Die vergessenen Riesen von Tripolis und das Echo des Orient-Express

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Endstation für den sagenumwobenen Orient Express

Du betrittst ein Gelände, das die Zeit scheinbar vom Fahrplan gestrichen hat. Der alte Bahnhof von Tripolis im Libanon ist kein gewöhnlicher Ort. Wenn du durch die verrosteten Tore von El-Mina gehst, verlässt du die Gegenwart. Du betrittst die Ruinen eines Traums von grenzenloser Freiheit. Komm mit mir – ich zeige dir einen der geheimnisvollsten Lost Places dieser Erde.

Wenn Luxus auf Stillstand trifft

Stell dir vor, es ist das Jahr 1934. Du stehst genau hier, wo du jetzt stehst, doch die Welt um dich herum vibriert. Der Duft von schwerem Leder, teurem Parfüm und edlem Tabak hängt in der Luft. Du bist gerade aus dem Taurus-Express gestiegen, dem legendären Bruder des Orient-Express. Dein Blick schweift über die Gleise – dein Ziel könnte Kairo sein oder das ferne Bagdad. Damals war Tripolis nicht einfach nur eine Stadt; es war dein Tor zum Orient, ein magischer Knotenpunkt zwischen dem Abendland und den tiefen Geheimnissen der Wüste. Doch heute? Heute ist von diesem Glanz nur noch eine schwere, melancholische Stille übrig. Ein Friedhof aus Stahl, ein Mahnmal für eine Epoche, in der Züge die Welt wie seidene Fäden verbanden.

Die preußischen Geister im Wüstensand

Was dich an diesem Ort wirklich innehalten lässt, sind die Schatten, die in der Mittagssonne lauern. Inmitten von Disteln und Schutt entdeckst du sie: Die schwarzen Riesen. Es ist eine bizarre Ironie der Geschichte, die dich frösteln lässt. Hier, am Rande des Orients, rosten massive Dampflokomotiven vor sich hin, die ihre ersten Atemzüge in deutschen Werkstätten machten. Es sind die preußischen Baureihen G 7.1 und G 8. Sie kamen nach dem Ersten Weltkrieg als Reparationszahlungen in diese Ferne – gestrandet zwischen zwei Welten. Der Anblick: Das tiefe Orange des Rosts hat sich wie eine Haut aus Samt über das Eisen gelegt.

Die Details: Wenn du ganz nah herangehst, erkennst du sie noch – die massiven Nieten und die Typenschilder, die dem jahrzehntelangen Verfall trotzen. Die Narben: Fass die kalten Kessel an und du spürst die Einschusslöcher. Stumme Zeugen des Bürgerkriegs von 1975, die das Herz dieses Ortes für immer zum Stillstand brachten.


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Erfinder des Orient-Express

Agatha Christies vergessener Bahnsteig

Hörst du das ferne Echo von Schritten? Vielleicht sind es die von Agatha Christie. Die Queen of Crime kannte diesen Bahnsteig genau. Ihr berühmter Roman „Mord im Orient-Express“ wurde von genau dieser Atmosphäre gespeist. Sie nutzte den Taurus-Express, um zu den Ausgrabungen ihres Mannes im Irak zu gelangen. Wenn du heute durch das verfallene Empfangsgebäude schlenderst und der Putz leise von den Wänden rieselt, kannst du fast spüren, wie sie dort saß und ihre nächste dunkle Geschichte schrieb.

Warum wir solche Orte suchen

Warum zieht es dich hierher, in diesen Verfall? Vielleicht, weil dieser Bahnhof dir zeigt, dass Fortschritt keine Einbahnstraße ist. Wo früher Spione, Abenteurer und Diplomaten flanierten, herrscht heute die Natur. Du siehst Bäume, die durch die Führerstände der Loks wachsen – als würde die Erde sich die Technik sanft, aber bestimmt zurückholen. Dieser Ort braucht keine Absperrbänder und keine sterilen Audioguides. Du hast nur den Rost, den Wind und die Gewissheit, dass du der Geschichte hier so nah kommst wie an kaum einem anderen Ort.


Endstation für den Orient Express
Endstation für den sagenumwobenen Orient Express in Belgien

Eine wichtige Eisenbahnlinie zur Versorgung mit Gütern

Während Riyak 1891 zum ersten Bahnhof des Libanon wurde, war Tripoli einst der Endpunkt der berühmten eingleisigen Orient-Express-Strecke. Die Stadt wurde 1911 mit Homs verbunden, bevor sie während des Zweiten Weltkriegs mit Beirut zusammengelegt wurde. Die Fahrt von Aleppo nach Tripolis dauerte knapp 10 Stunden, die Strecke zwischen Tripolis, Beirut und Haifa wurde bis zur Fertigstellung der Strecke mit eigenen Triebwagen entlang der Küstenlinie am Mittelmeer zurückgelegt.

Orient-Express Route ;Dieser spezielle Zug transportierte Treibstoff, Maschinen, Fahrzeuge, Kuh- und Schafherden, Getreide und Handelswaren, und ein Wagen war immer für die Reisenden reserviert. Es gab auch einen Pendeltriebwagen, der zwischen Beirut und Aleppo in Syrien verkehrte. Auf dem letzten Stück vor der Einfahrt in den Bahnhof Tripolis fuhren die Züge entlang des Mittelmeeres vorbei, und bevor sie sich dem Hafen näherten, fuhren sie direkt am Barsbay-Turm vorbei, einer Mamluken-Festung aus dem 15. Jahrhundert.


Orient-Express - Beispiel eines Zuges auf dem Abstellgleis in Belgien
Orient-Express was für ein Luxuszug auf dem Abstellgleis in Belgien

Bis zum Jahr 1975 war der Bahnhof voll funktionsfähig

Nachdem der Bahnhof von Tripolis im Ersten Weltkrieg zerstört worden war, wurde er während der französischen Mandatszeit wieder aufgebaut und ging nach der Unabhängigkeit in den Besitz des libanesischen Staates über. Die Hafeninfrastruktur wurde modernisiert, und die Station und der Hafen waren bis zum Bürgerkrieg 1975 voll funktionsfähig.

Pläne zum Erhalt der Anlage mit Orient-Express Museum

In den Jahren des Bürgerkriegs wurde der Bahnhof von Tripolis schwer beschädigt – die Spuren der Kämpfe sind heute überall sichtbar. In den letzten Jahren bemühten sich die “Freunde des Bahnhofs von Tripolis” um die Wiederbelebung der Bahnstrecken und des Bahnhofskomplexes. Der 2002 gegründete Verein hoffte, dass eine solche Wiederbelebung angesichts des nahe gelegenen Hafens, des Flughafens in Kolayaat, ein echter Katalysator für den Tourismus von Tripolis sein würde.

Die Gruppe schlug auch die Restaurierung und Erhaltung des Geländes vor, um das Eisenbahnerbe des Libanon zu präsentieren und ein Orient-Express-Museum einzurichten. Doch mit der anhaltenden Wirtschaftskrise im Libanon haben diese ambitionierten Pläne einen Rückschlag erlitten.



Siehe auch: Lost Places & Abenteuerreisen

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