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Görlitz: Eine Stadt wie ein Geschichtsbuch
Görlitz gilt als eine der schönsten Städte Deutschlands. Mit seinen unzähligen Bauten aus Romanik, Barock, Renaissance und der Gründerzeit sieht man sich schnell in ein lebendiges Geschichtsbuch versetzt. Anfang 2016 machte ich mich nach meiner Urbexplorer-Fototour zum Hotel Vier Jahreszeiten und dem Freisebad auf den Weg, die Altstadt von Görlitz zu erkunden. Dabei bekam ich von einem Freund einen spannenden Tipp: das legendäre “Bonehaus” am Obermarkt 26, direkt neben der berühmten Verrätergasse.
- Bednarek, Andreas(Autor)
Ein Haus voller Kunst und Magie
Das Bonehaus war zu diesem Zeitpunkt kein normales Haus. Der Künstler Steeven Fabian Bonig, den die Einheimischen schlicht “Bone” nannten, hatte die Innenräume in ein lebendiges Kunstwerk verwandelt. Kaum durch die Tür getreten, fühlte man sich in eine andere Welt versetzt – mystisch, inspirierend und irgendwie aus der Zeit gefallen. Holz, Porzellan, Eisen, Plastik und Papier verschmolzen mit Träumen, Sehnsüchten und Gedanken zu einem Kunstwerk, das nicht nur angeschaut, sondern erlebt wurde. Hier war nichts statisch, alles war ein ständiger Prozess aus Wachstum, Zerfall und Neuentstehung.
Die Philosophie hinter der Kunst
Während eines kurzen Gesprächs mit Bone erfuhr ich mehr über seine Philosophie. Seine Kunst war nicht zum Verkaufen oder Bewundern da – sie war ein Statement. Ein kreativer Ausdruck, der die Besucher zum Nachdenken anregen und ihre Wahrnehmung verändern sollte. Dabei wurde jeder, der das Haus betrat, automatisch ein Teil der Installation.
Das Ende einer Ära
Doch das Bonehaus war nicht von Dauer. Ende 2016 verließ Steeven Fabian Bonig das Gebäude. Seine Verträge, darunter auch der Mietvertrag, wurden gekündigt. Gemeinsam mit Freunden räumte er das Haus aus und gab viele der Raritäten, die Teil seiner Installationen waren, an die Menschen in der Stadt zurück, die ihn bei seinem Projekt unterstützt hatten.
Eine Legende lebt weiter
Heute steht das Bonehaus leer und dem Verfall preisgegeben. Doch seine Geschichte lebt weiter. In seiner Blütezeit war das Haus ein Ort des Austauschs, an dem soziale Unterschiede keine Rolle spielten. Hier diskutierten Lehrlinge mit Professoren und Handwerker mit Künstlern. Es war ein Ort der Rückbesinnung und der Inspiration, der Görlitz um eine einzigartige Facette bereicherte.
Chancen für die Zukunft
Schade, dass die Stadt nicht die Kraft hatte, dieses kulturelle Kleinod zu erhalten. Andere Orte zeigen, welches Potenzial abseits des klassischen Hochglanz-Tourismus schlummert. Das Lügenmuseum in Radebeul oder das „verrückte Dorf“ beweisen, dass auch ungewöhnliche Projekte Besucher anziehen können. Vielleicht wird man sich eines Tages wieder an die Geschichte des Bonehauses erinnern und erkennen, dass seine Ideen aktueller denn je sind.
Ein Denkmal der Kreativität
Bis dahin bleibt das Bonehaus eine Legende und ein Symbol für die Macht der Kreativität – auch wenn es nun ohne Bone nur noch ein Haus ist.