Bis dass der Tod uns scheidet – Das Leben der Einsiedler von Tschernobyl

Was haben die Einsiedler nach der Katastrophe erlebt? Wie sieht ihr Alltag heute aus? Wir verraten dir, wieso Tschernobyl eine Reise wert ist.

Tschernobyl – dieser Name löst bis heute bei einer ganzen Generation Beklemmung aus. Und das nicht ohne Grund: Wir verbinden die kleine Ortschaft im Norden der Ukraine sofort mit einer der grĂ¶ĂŸten Nuklearkatastrophen der Welt. Laut Experten kann die radioaktive Strahlung auch heute noch onkologische Erkrankungen, sprich verschiedenste Krebserkrankungen, auslösen.

Dennoch ist Tschernobyl fĂŒr einige Menschen weit mehr als eine lebensgefĂ€hrliche Sperrzone: Es ist ihre Heimat, ihr Zuhause. Trotz der gesundheitlichen Risiken leben etwa 180 Menschen bis heute im Sperrgebiet. Bekannt sind diese als Einsiedler von Tschernobyl. Was auf den ersten Blick auffĂ€llt: Es sind zumeist Ă€ltere Siedler, die geblieben sind. Um die Einsiedler von Tschernobyl zu verstehen, werfen wir einen Blick zurĂŒck auf die Wochen und Monate nach der Katastrophe:

Stunde null – die Wochen nach der Katastrophe

Am 26. April 1986 ereignete sich die Nuklearkatastrophe in Tschernobyl. Nach und nach wurden in einem Umkreis von etwa 30 Kilometern rund um den havarierten Reaktorblock Dörfer gerÀumt, Bewohner evakuiert und streng bewachte Grenzen zum Sperrgebiet errichtet.

Die Evakuierten wussten oftmals ĂŒberhaupt nicht, was genau geschehen war, Informationen ĂŒber die Katastrophe erreichten die Betroffenen nur durch mĂŒndliche Überlieferung. Die Nachrichtensperre tat ihr Übriges, um die tatsĂ€chlichen Ausmaße des Reaktorunfalls zu vertuschen. Vielen war daher nicht bewusst, was im Kernkraftwerk von Tschernobyl passiert war. Sie dachten, sie dĂŒrfen nach einigen Tagen wieder zurĂŒck in ihre HĂ€user.

Da die Zeit drĂ€ngte und die Massen an Menschen untergebracht werden mussten, wurden in nahegelegenen StĂ€dten hastig Wohnblocks hochgezogen, die den Evakuierten ein neues Zuhause bieten sollten. So entstanden viele Wohnungen auf kleinem Raum, der hektische Bau fĂŒhrte zu zahlreichen MĂ€ngeln an der BauqualitĂ€t.

Das alles nagte an den Nerven der Betroffenen. Der spĂŒrbare Bruch vom naturnahen Alltag zum Leben in einer BetonwĂŒste zermĂŒrbte die Einwohner, die es gewohnt waren, in HolzhĂŒtten zu wohnen, von der Landwirtschaft zu leben und auf die Jagd zu gehen. Inmitten der vielen Wohnungen an einem fremden Ort fĂŒhlten sie sich wie abgeschnitten von ihren Wurzeln.

Einige Evakuierte nutzten daher die allgemeine Verwirrung der nachfolgenden Wochen und zogen entgegen aller Anordnungen der Regierung zurĂŒck in ihre gewohnte Umgebung. Das BedĂŒrfnis nach der vertrauten Umgebung, der Heimat und der RĂŒckkehr zu den eigenen Wurzeln war viel grĂ¶ĂŸer als die Angst vor der unsichtbaren Gefahr.

Zudem war immer wieder von einer zeitweiligen Evakuierung die Rede, sodass nach Ablauf dieser Frist weitere Bewohner den ersten Einsiedlern von Tschernobyl folgten und in ihre HĂ€user zurĂŒckkehrten.

Leben in Tschernobyl

In den ersten Jahren nach der Katastrophe war es fĂŒr die Einsiedler von Tschernobyl sehr beschwerlich, wieder in ihren Dörfern zu leben. Die Behörden versuchten mit allen Mitteln, die ungebetenen Bewohner zu vertreiben: Sie stellten die Stromversorgung ab, schickten Truppen in das Sperrgebiet, welche die HĂ€user rĂ€umten und verriegelten oder gar zerstörten. Doch die Einsiedler blieben hartnĂ€ckig und suchten sich einfach andere HĂ€user – leerstehende GebĂ€ude gab es nach der Katastrophe schließlich genug.

Die Einsiedler von Tschernobyl waren nicht bereit, zu weichen. Sie setzten sich mit Briefen und Petitionen bei den Behörden dafĂŒr ein, dass man sie in Ruhe ließ. Die Bewohner machten klar, dass sie sich nicht vertreiben lassen wĂŒrden. So wurde ĂŒber die Jahre hinweg ein Abkommen geschlossen, das den Einwohnern erlaubte, in ihrer vertrauten Umgebung zu leben.

Die Einsiedler von Tschernobyl organisierten sich mit der Zeit eigenstĂ€ndig. So wie viele der alten GebĂ€ude einen neuen Zweck erfĂŒllen, haben auch einige Siedler einen neuen Lebensinhalt gefunden: Sie kĂŒmmern sich um die alten Kirchen, schließen sich in Gesellschaften, wie etwa „Wiedergeburt von Tschernobyl“ zusammen, oder ĂŒbernehmen Verantwortung fĂŒr die allgemeine Versorgung.

Home, Sweet Home?

Mittlerweile sind einige der radioaktiven Substanzen bereits zerfallen, aber die Zone bleibt weiterhin kontaminiert. So haben beispielsweise das radioaktive CĂ€sium 137 und einige weitere Stoffe eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Das bedeutet, dass die Strahlenbelastung seit der Katastrophe um die HĂ€lfte abgenommen hat. Die Stoffe stecken aber weiterhin in den tieferen Schichten des Bodens und gelangen so in Pflanzen, die wiederum Tieren als Nahrungsquelle dienen.

Nach der RĂŒckkehr in ihre HĂ€user nahmen die Einsiedler von Tschernobyl ihren gewohnten Tagesablauf wieder auf: Sie bewirtschafteten ihre Äcker, tranken das Wasser aus den Quellen, jagten in den WĂ€ldern und nutzten so ĂŒber Jahre hinweg die strahlenverseuchte Natur, um ihre BedĂŒrfnisse zu stillen. Die Einsiedler von Tschernobyl nehmen dadurch die radioaktiven Stoffe von innen und von außen auf. Warum haben die Einwohner trotzdem so wenig Beschwerden?

Darauf haben Experten eine mögliche Antwort: Die Ă€lteren Einsiedler von Tschernobyl erleben aufgrund ihres hohen Alters die aktive Phase der Erkrankung nicht mehr. Schließlich betrĂ€gt die latente Phase etwa 20 Jahre – viele sterben bereits vorher aufgrund der natĂŒrlichen Lebenserwartung. Trotzdem haben die Siedler ein erhöhtes Risiko fĂŒr Krebserkrankungen. Ein Grund, ihre Heimat zu verlassen, ist das jedoch nicht – fĂŒr die Einsiedler ist die Krankheit schließlich abstrakt und nicht greifbar.

Faszination Tschernobyl: Zwischen Tod und Wiedergeburt

Einst ein Synonym fĂŒr Tod und Angst, ist Tschernobyl heute wieder ein Lebensraum fĂŒr Menschen und Tiere. In die ehemals streng abgeriegelte Sperrzone strömen Tag fĂŒr Tag tausende Arbeiter und entdeckungsfreudige Touristen. Sogar im Kernkraftwerk wird emsig gearbeitet: Etwa dreitausend Arbeiter wirken am Bau mit, entsorgen radioaktiven MĂŒll oder bauen die Infrastruktur wieder auf.

Neben den ortsansĂ€ssigen Einsiedlern von Tschernobyl und den Schichtarbeitern findet man auch immer mehr Reisende in Tschernobyl. Pro Jahr wĂ€hlen ĂŒber 8.000 Touristen die Gegend als Reiseziel aus. Die Sperrzone wird auch heute noch ĂŒberwacht, der Eintritt ist ausschließlich mit einer entsprechenden Genehmigung möglich. Diese erhĂ€lt man beispielsweise vom Reiseveranstalter.

Die grĂ¶ĂŸte Sorge der Touristen ist sicherlich die Strahlung. Laut Experten liegt die Belastung durch Strahlen aktuell etwa bei dem Sechs- bis Achtfachen der Normstrahlung, der wir ĂŒberall auf der Welt ausgesetzt sind. Das bedeutet, dass man sich grundsĂ€tzlich gefahrlos in der Zone bewegen kann, sofern man keine Warnschilder ignoriert und nur auf den vorgegebenen Wegen bleibt.

Die Sperrzone bietet atemberaubende Motive fĂŒr einzigartige Bilder. Eine unserer Fotoreisen fĂŒhrte uns zum ehemaligen Binnenhafen. Viele der dort geschossenen Fotos könnt ihr in dem Beitrag Die rostigen KrĂ€ne im Hafen von Tschernobyl sehen.

Wenn es euch jetzt in den Fingern juckt, selbst eine außergewöhnliche Tour ins Herz der Sperrzone von Tschernobyl zu unternehmen, findet ihr auf unserer Webseite Tschernobyl Abenteuerreisen alle Infos, die ihr braucht. Die besten Motive abseits der Touristenströme bietet dir eine private Tour mit deinen Freunden ganz nach euren Vorstellungen. Sprecht uns bei Fragen direkt unter Kontakt an, wir helfen euch gerne weiter.

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