Weißrussland – Terra incognita | Teil 1: Das Naturschutzgebiet Polesien

Tschernobyl naturreservat in Weißrussland

Auszug aus dem Buch „Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft“ von Swetlana Alexijewitsch: „Belarus… Wir sind ja für die Welt eine Terra incognita, ein unbekanntes, unerforschtes Land. Von Tschernobyl wissen alle, aber nur in Verbindung mit der Ukraine und mit Rußland. Wir müssen erst von uns erzählen. ‚White Russia‘ (‚Weißes Rußland‘) – so klingt der Name unseres Landes in Englisch.“ (Volkszeitung, 27. April 1996)

Die Sperrzone von Tschernobyl im Norden der Ukraine ist den meisten Menschen auch schon lange vor Ausstrahlung der hochgelobten HBO-Miniserie „Chernobyl“ ein Begriff gewesen. Doch nur die wenigsten wissen, dass es auch in Weißrussland eine solche Sperrzone gibt. Was ist das für ein Ort? Ist die weißrussische Sperrzone mit der ukrainischen vergleichbar? Wie stark ist dieser Ort kontaminiert? Leben dort noch Menschen? Im August 2019 waren wir das erste Mal vor Ort, um uns selbst ein Bild vom „Polessischen Staatlichen Radioökologischen Schutzgebiet“, wie das Areal offiziell heißt, zu machen.

Ein (noch) unberührtes Land

Das weißrussische Schutzgebiet erstreckt sich über einen großen Teil der Sperrzone rund um das Kernkraftwerk Tschernobyl. Dieses befindet sich nur wenige Kilometer von der ukrainisch-weißrussischen Grenze entfernt. Vor allem durch das Kraftwerk selbst und die Geisterstadt Prypjat hat die Sperrzone von Tschernobyl Berühmtheit erlangt. Doch im Norden erstreckt sich auf weißrussischem Gebiet ein ähnlich großes Areal. Dieses befindet sich in der historischen Region Polesien und darf, wie die ukrainische Sperrzone, nur mit Sondergenehmigung betreten werden, da es vor 33 Jahren vom Großteil des radioaktiven Niederschlags verseucht wurde. Erst dieses Jahr wurde das Gebiet für Touristen geöffnet. Die Regierung hatte einfach kein Interesse daran, kontaminierte Areale für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 1988 wurde auf dem Territorium der damaligen Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (BSSR) ein Schutzgebiet eingerichtet, da die Natur die Gegend schnell einnahm und die Polesie-Sümpfe ein hervorragender Lebensraum für viele seltene Tiere sind.

Zwei ungleiche Sperrzonen

Die weißrussische Sperrzone unterscheidet sich sehr von der ukrainischen. Etwa 25 Prozent der Landesoberfläche sind belastet. Hochkontaminierte Gebiete, die für Menschen unzugänglich sind, grenzen an nur gering verseuchte Areale, in denen sogar noch Menschen leben, wodurch ein regelrechter Flickenteppich auf der Karte entsteht. Das Schutzgebiet ist in fünf verschiedene Bereiche unterteilt, von denen die zwei am stärksten kontaminierten nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Die Sperrzone beherbergt ein Museum und ein Touristenzentrum.

Da die weißrussische Sperrzone zum Großteil noch unbekannt ist, gibt es weder Koordinaten noch genaue Karten und interessante Locations warten auf ihre Entdeckung. Hier gibt es wirklich noch etwas zu erkunden. Städte wie Prypjat oder Tschernobyl sucht man allerdings vergeblich, dafür kann man sich auf Dörfer und kleine Städte freuen. Eine Reise in diese Region eignet sich daher eher für Abenteurer, die die ukrainische Sperrzone schon oft besucht haben und etwas Neues, Unbekanntes sehen möchten. Auch im Polesischen Schutzgebiet sind Stalker ein Problem. Während die Strafe für die illegale Einreise in der Ukraine eher symbolisch ist, droht in Weißrussland dafür ein Bußgeld in Höhe von 1.700 Euro. Obwohl die Strahlenbelastung in den meisten Dörfern um ein Vielfaches höher als in der ukrainischen Sperrzone ist (5 – 7 µSv/h) und das Gebiet mit Caesium, Strontium und Americium kontaminiert wurde, geht es der Natur sehr gut. In den Wald- und Sumpfgebieten gibt es einen kaum vergleichbaren Vegetationsreichtum.

Ein Paradies für Flora und Fauna

Zwei Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl entstand am 18. Juli 1988 das Naturschutzgebiet Polesien, eine von Wäldern und Feuchtgebieten geprägte Tieflandregion, die sich über weißrussisches, ukrainisches, polnisches und russisches Territorium erstreckt. Mit über 180.000 Quadratkilometern ist sie rund halb so groß wie Deutschland. Ursprünglich war geplant, Forschungen durchzuführen, um herauszufinden, welche Auswirkungen die radioaktive Strahlung auf die Umwelt hat. Doch nach dem Verschwinden der Menschen entwickelte sich die Natur in einem derart ungeahnten Ausmaß, dass das Sperrgebiet zu einem einzigartigen Naturreservat wurde, in dem sich Flora und Fauna ungestört entwickeln können.

Das Territorium besteht aus zwei Teilen. Der größte Bereich ist das eigentliche Sperrgebiet, auf dem weder eine Besiedlung noch wirtschaftliche Tätigkeiten erlaubt sind. Der zweite Teil wird für experimentelle Zwecke verwendet. Dort werden verschiedene Nutzpflanzensorten angebaut und Pferde gezüchtet. Eine Imkerei und einen kleinen Holzbearbeitungsbetrieb gibt es auch. Wo Menschen nicht mehr leben können, besiedeln mehrere hundert Tier- und Pflanzenarten das Gebiet. Viele der im Reservat vorkommenden Arten stehen auf der Roten Liste. Es beherbergt mehr als 40 Säugetier-, 70 Vogel- und 25 Fischarten. Es gibt verfallene Meliorationsanlagen, verlassene Acker, Moore sowie Sümpfe, die die Entstehung eines paradiesischen Labyrinths aus Gewässern, Inseln, Sümpfen, Feuchtwiesen und Auwäldern begünstigen.

Das weißrussische Bürokratiemonster

Bevor man das Polesische Schutzgebiet betreten darf, sind viele Genehmigungen einzuholen und viele Dinge zu erledigen – die Einreise muss von den Behörden des Reservats über den staatlichen Sicherheitsdienst bis hin zu den Grenzschutzbeamten genehmigt werden. Bürokratie und Korruption sind in der weißrussischen Sperrzone ebenso präsent wie in der ukrainischen. Bei der Einreise werden die Ausweisdokumente kontrolliert und jeder Besucher in ein Erfassungsbuch eingetragen. Bisher haben einige Hundert Touristen das Schutzgebiet besucht, in der ukrainischen Sperrzone werden es bereits nahezu eine Million gewesen sein.

Sehen und verstehen

Mit dem nötigen Respekt vor den Opfern und Hinterbliebenen besuchen wir als Fotoreisende die Sperrzone von Tschernobyl. Hier bieten sich beeindruckende Motive für einzigartige Bilder. Wenn ihr die weißrussische Sperrzone mit eigenen Augen sehen wollt, findet ihr auf unserer Seite alle Infos, die ihr für eure individuelle Fotoexkursion mit Urbexplorer benötigt.

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