Waleri Legassow: Ein vergessener Held von Tschernobyl

Waleri Legasov - Der vergessene Held von Chernobyl

Waleri Legassow schätzte als einer der ersten Wissenschaftler das wahre Ausmaß der Katastrophe von Tschernobyl richtig ein. Er ordnete wichtige Maßnahmen zur Schadensbegrenzung nach dem Unfall an und rettete somit in ganz Europa Millionen von Menschen das Leben. Erst auf sein Betreiben hin wurde Prypjat 36 Stunden nach der Explosion von Reaktor 4 evakuiert.

Wer war Waleri Legassow?

Waleri Legassow wurde 1936 in der russischen Großstadt Tula geboren. Das Kind einer Arbeiterfamilie war bereits in jungen Jahren von der Naturwissenschaft begeistert. Legassow studierte an der Chemisch-Technischen Dmitri-Mendelejew-Universität in Moskau und legte dort eine ausgezeichnete Abschlussarbeit vor. Infolgedessen erhielt er das Angebot, am Moskauer Kurtschatow-Institut für Atomenergie zu promovieren, doch er lehnte zunächst ab. Zwei Jahre lang arbeitete er in einem Chemiewerk im sibirischen Tomsk, bis er schließlich doch zum Kurtschatow-Institut wechselte. 1967 erlangte er den ersten akademischen Grad im Hochschulsystem der UdSSR, 1972 promovierte er in Chemie und mit 45 Jahren wurde er eines der jüngsten Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften. Von 1983 bis zu seinem Tod am 26. April 1988, genau zwei Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl, war er Leiter der Abteilung für Chemietechnik an der Fakultät für Chemie der Lomonossow-Universität in Moskau.

Mit dem Mut der Verzweiflung

Trotz seiner Position als Schlüsselfigur in der staatlichen Kommission, welche die Gründe der Katastrophe untersuchen und einen Plan zur Minderung der Folgen entwickeln sollte, war es beinahe Zufall, dass Legassow nach der Katastrophe einberufen wurde. „Der 26. April war ein Samstag… Die Kommission benötigte zwingend ein wissenschaftliches Mitglied. Die Leiter und Stellvertreter des Kurtschatow-Instituts waren nicht erreichbar, nur mein Vater. Ein Flugzeug stand am Flughafen von Wnukowo bereit. So flog mein Vater noch am gleichen Tag nach Tschernobyl”, erinnert sich Legassows Tochter Inga.

Nach seiner Ankunft am Unglücksort begann er sofort mit der Koordinierung der Nothilfe-Maßnahmen. Das Feuer im Reaktor war bei Legassows Ankunft am Morgen des 26. April zwar unter Kontrolle, doch waren bereits große Mengen radioaktiver Partikel in die Atmosphäre gelangt – die Überreste von Block 4 stellten eine unvorstellbare Gefahrenquelle dar. „Es gab eine solche Planlosigkeit, eine solche Unordnung, eine solche Angst. Es war wie 1941, nur schlimmer”, wird Legassow später zitiert. Daraufhin traf er die wichtigsten Entscheidungen, um weitere Explosionen und so die Zerstörung großer Teile Europas zu verhindern, und informierte die Regierung über die Ernsthaftigkeit der Situation. Er berichtete seinen Kollegen und der Presse von den Sicherheitsrisiken des zerstörten Reaktors und bestand auf die sofortige Evakuierung der Bevölkerung von Prypjat.

Legassow arbeitete hart und ignorierte dabei sein Dosimeter, welches die Aufnahme der radioaktiven Strahlung gemessen hat. Er ordnete an, Hubschrauber aufsteigen zu lassen, die in großen Mengen verschiedenste Materialien über dem zerstörten Reaktor abwarfen, um das Feuer zu ersticken, das Freisetzen weiterer radioaktiver Partikel einzudämmen und eine weitere Kettenreaktion zu verhindern. Er selbst flog mehrmals am Tag über den zerstörten Block. Später wurden auch Maßnahmen gegen die Verunreinigung des Grundwassers getroffen. Legassow verbrachte vier Monate am Unglücksort anstelle der vorgeschriebenen zwei Wochen. Er war dabei einer regelmäßigen Strahlung von 100 Röntgen (= 1 Sievert) ausgesetzt. Zum Vergleich: Die natürliche Hintergrundstrahlung in Berlin beträgt circa 0,10 µSv, das Zehnmillionstel eines Sievert. Bereits nach neun Tagen traten Hautbräune und Haarausfall als Folgen der Strahlenkrankheit auf. Später kamen Hustenanfälle und Schlaflosigkeit dazu.

Was ist der Preis der Lüge?

Im August 1986 präsentierte er der sowjetischen Delegation auf einem Sondertreffen der Internationalen Atomenergieorganisation in Wien einen Bericht zum Ausmaß und den Konsequenzen der Katastrophe. „Ein ganzes Team von Spezialisten hat an dem Bericht gearbeitet.”, blickt seine Tochter zurück. „Vater hat die Zahlen wieder und wieder geprüft. Er wollte die absolute Richtigkeit der Informationen sicherstellen.“

Legassow und seine Kollegen kamen zu dem Schluss, dass die Explosion Folge einer Verkettung verschiedener Faktoren war, darunter gravierende Konstruktionsfehler des Reaktors und die Unwissenheit des schichthabenden Personals. Dieses hatte Mängel nicht erkannt und war sich der Tatsache, dass einige der durchgeführten Tests eine Explosion verursachen könnten, nicht bewusst. Sein fünfstündiger Vortrag wirkte auf die sowjetische Delegation allerdings wenig überzeugend. Die Zahlen wurden als zu hoch und unglaubwürdig bezeichnet, der Umfang der Katastrophe sollte geringer eingeschätzt und verharmlost werden. Im Ausland brachte ihm der Bericht Anerkennung, doch in der Heimat warfen ihm die Behörden und auch andere Wissenschaftler vor, Verschlusssachen öffentlich gemacht zu haben. Seine Tochter sieht das anders. „Die Informationen waren freigegeben. Der Bericht war sehr ehrlich. Es ging nicht um geheime Daten. Vaters Bericht fand viel Beachtung und er machte ihn im Ausland beliebt. […] Das machte seine Kollegen eifersüchtig.”, glaubt sie.

Die nächsten zwei Jahre waren für Legassow psychisch wie physisch eine Herausforderung. Die Abneigung seiner Kollegen und die Erkenntnis, dass es keine Bestrebungen gab, solche Unfälle zukünftig zu verhindern, machten ihm zu schaffen. „Einige glauben, mein Vater sei enttäuscht gewesen, keine Auszeichnung bekommen zu haben. Doch dem war nicht so. Er war kein ehrgeiziger Mann”, erinnert sich Inga. „Er war ein Patriot und er bedauerte, was passiert war und wie die Menschen hatten leiden müssen. Er war sehr sensibel und das hat ihn innerlich zerstört.“ Zudem machten sich die Folgen der Strahlenkrankheit immer deutlicher bemerkbar. „Allmählich hörte er auf zu essen und schlief nicht mehr. […] Er wusste genau, was nun kommen würde, dass es sehr schmerzhaft werden würde. Doch er ließ sich nichts anmerken, wohl um meine Mutter zu schonen, die er angebetet hat.”

Das traurige Ende eines engagierten Mannes

Waleri Legassow wurde am Morgen des 27. April 1988 tot in seinem Haus nahe Moskau aufgefunden. Er hatte sich, genau zwei Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl, durch Erhängen das Leben genommen. Zuvor hatte er als politisches Testament noch ein Tondokument erstellt, in dem er weitere Details, insbesondere einen deutlich größeren Kreis an Verantwortlichen, zum Unfall preisgab. Dieses Dokument liegt noch teilweise vor, wichtige Abschnitte wurden nach seinem Tod allerdings gelöscht. Inzwischen kursieren im Netz neben der Abschrift des Originals auch gefälschte Versionen. Im September 1996 wurde Legassow durch einen Erlass des damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin posthum die Auszeichnung „Held der Russischen Föderation“ verliehen. Zu Lebzeiten war er, anders als in der Miniserie „Chernobyl“ dargestellt, zweimal durch den damaligen Parteichef Michail Gorbatschow von der Liste der zu Ehrenden gestrichen worden. Es gab allerdings gute Gründe, Legassow viel früher diesen Ehrentitel zu verleihen. Bereits Jahre vor Tschernobyl hatte er darauf hingewiesen, wie wichtig ein Konzept zur Verhinderung solcher Katastrophen ist.

Sehen und verstehen

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