Waldbrände in Tschernobyl – Größte Katastrophe seit 1986

Die größte Katastrophe seit dem Supergau 1986

Am 3. April erreichten uns schlechte Nachrichten aus der Tschernobyl-Sperrzone. In den Wäldern rund um das havarierte Atomkraftwerk sind in der Nacht zum 4. April schwerwiegende Feuer ausgebrochen, welche eine Fläche von knapp 20 Hektar betragen. Der Brandherd liegt ca. 58 Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt und wird rund um die Uhr bewacht. Den etwa 20 Hektar großen Brand konnte die Feuerwehr vor Ort nach einiger Zeit unter Kontrolle bringen. Jedoch ereignete sich am darauffolgenden Tag ein weiteres Feuer in der Nähe der Sperrzone, etwa 5 Kilometer von den Grenzen er Sperrzone entfernt. Die Stadt Poliske, in der auch heute noch wenige Einsiedler wohnen, befindet sich nur 3 Kilometer des zweiten Brandherdes entfernt. Die Feuerwehr schaffte es glücklicherweise recht schnell das Feuer einzudämmen und zu löschen. Schnell stellte sich heraus, dass es sich beim zweiten Brand um Brandstiftung handle. Das Feuer wurde absichtlich mit Hilfe von Müll und Gras gelegt. Der Polizei aus der Region um Kiew gelang es schnell einen Täter ausfindig zu machen und diesen zu fassen. Bei dem Täter handelt es sich um einen 27-jährigen Bewohner der umliegenden Gebiete, welcher bei einer Vernehmung zugab, dass es die Feuer aus Spaß gelegt hat. Die Feuer breiteten sich nach eigener Aussage schnell aus, weshalb er nicht mehr in der Lage war, das Feuer unter Kontrolle zu halten.

Foto Aleksandr Sirota, Головне управління ДСНС України у м.Києві

Ein aussichtsloser Kampf gegen die Flammen

Die Feuerwehrleute in der Ukraine haben derzeit alle Hände voll zu tun. Bereits einen Tag nach dem zweiten Brandfall muss die Feuerwehr ein weiteres Mal ausrücken. Ein kontaminiertes Gebiet um das Dorf Czystogalowka steht in Flammen. Dieses Gebiet liegt nur 1,5km vom so genannten Roten Wald entfernt. Dieser gilt als einer der am stärksten radioaktiv verseuchten Orte, bei welchem der Strahlungspegel zwischen 2 und 10 uSv/h und punktuell sogar bei 150 uSv/h liegt. Aufgrund dessen besteht die Gefahr der Freisetzung von Radionukliden in die Atmosphäre. Zu diesem Zeitpunkt wurden allerdings keine erhöhten Strahlungswerte von den Dosimeterstationen erfasst.

Foto Державне агентство України з управління зоною відчуження

Der unberechenbare Wind verlagert das Feuer

Das Feuer wurde aufgrund von starkem Wind nach Süden verlagert, was dazu führt, dass sich das Feuer vom Roten Wald entfernt und in Richtung der strahlungsfreien Gebiete wandert, was erst einmal eine gute Nachricht ist. Mittlerweile sind wohl um die 100 Hektar von dem Feuer in der Sperrzone von Tschernobyl betroffen. Leider änderte sich der Wind entgegen der Prognosen im Verlauf des Tages unerwartet in die Richtung der am stärksten verschmutzen Gebiete – einschließlich des havarierten Kraftwerkes. Auch für die mittlerweile knapp 326 Feuerwehrleute erschweren sich die Bedingungen. Aufgrund des Konzentrationsaufstieges der Radionukliden in der Luft, müssen die Feuerwehrleute ihre persönliche Schutzausrüstung tragen und können nur noch eine begrenzte Zeit bei der Feuerbekämpfung helfen.

Foto Державне агентство України з управління зоною відчуження

Neun Tage nach Ausbruch kein Ende in Sicht

Nun hat das Feuer den Kontrollpunkt Lelew erreicht. Dies ist der Haupteingang zu 10-km-Zone zwischen der Stadt Tschernobyl, Pripjat und dem Kernkraftwerk. Durch das schnelle Handeln gelang es den Feuerwehrleuten diesen Punkt rechtzeitig zu löschen. Das Kinderferienlage  „Izumrudnyj“ wurde von den Feuern komplett zerstört. Informationen zu Folge brach das Feuer in insgesamt 7 Ortschaften aus. Die Tatsache, dass das Feuer in kleinen Zeitabständen an völlig unverbundenen Orten auftrat, lässt Zweifel aufkommen bezüglich der Brandursachen. Knapp eine Woche nach Ausbruch des ersten Feuers steht nun auch die Stadt Tschernobyl in Flammen. Die Trockenheit und der bestehende Wind sorgen dafür, dass sich das Feuer sowohl Richtung Süden als auch Richtung Norden weiter ausbreitet. Dem Roten Wald kommt das Feuer langsam bedrohlich nahe. Mittlerweile geht man davon aus, dass dies der größte Brand in der Geschichte der Sperrzone von Tschernobyl ist.

Ein großer Teil der brennenden Fläche ist aufgrund der Verwilderung der letzten 34 Jahre nicht mehr zugänglich, weshalb die Feuerwehrleute mit sämtlichen Fahrzeugen nicht in die Nähe des Brandherdes gelangen können. Die Behörden der Zone räumten ein, dass sie auf einen Brand dieses Ausmaßes nicht vorbereitet waren und die Vorkehrungen die getroffen wurden nicht ausreichend waren.

Foto Денис Ядов

Die Einsiedler kämpfen um Existenz

Einige Einsiedler versuchen sich mittlerweile selbst in der Feuerbekämpfung. Leider gelang es vielen nicht, ihre Hütten zu retten. Ein Teil des Dorfes Ługowniki und Stara Markówka brannte bereits komplett ab. Diese Dörfer liegen in den Gebieten, die außerhalb der Sperrzone sind. Die meisten dieser Dörfer liegen in der Nähe der Stadt Poliskoye wenige Kilometer von der aktuellen Grenze zur Sperrzone entfernt, und sind oft von mehreren Personen bewohnt. Viele Einsiedler verlieren nun quasi ein zweites Mal ihre Existenz und sin den Flammen schutzlos ausgeliefert. Da die Einsiedler mehr oder weniger entgegen der Vorschriften der Behörden in der Sperrzone leben, werden diese kaum beachtet.

Foto Державне агентство України з управління зоною відчуження

Zehnter Tag und das Feuer breitet sich weiter aus

Die gigantischen Brände in der Tschernobyl-Sperrzone sind noch immer nicht unter Kontrolle, und die Situation wird nicht besser. Es ist eine ökologische Katastrophe und eine Katastrophe für den historischen Wert der verbrannten Dörfer. Dies ist zweifellos der größte Brand in der Zone seit 1986, als diese nach dem Supergau eingerichtet wurde.

Das Feuer ist bereits mehrere hundert Meter vom Atomkraftwerk Tschernobyl entfernt. Das Gebiet ist streng eingezäunt und von Wäldern getrennt, so dass die Wahrscheinlichkeit, dass das Feuer durchkommt, gering ist. Die Feuerwehrleute tun jedoch, was sie können, um jede Eventualität zu verhindern. Langsam kommen jedoch Regenwolken auf – wir werden sehen, wie viel Wasser sie bringen.

Das Feuer erreichte das an das Kernkraftwerk von Tschernobyl angrenzende Gebiet, so dass der Rauch den Sarkophag über dem havarierten Block 4 vollständig bedeckte. Die Behörden versichern jedoch, dass es keine Möglichkeit gibt, dass irgendetwas in dem Gebäude verbrennt. Er ist vom Wald getrennt, und um den Sarkophag selbst befindet sich ein riesiger Betonplatz.

Foto. Державне агентство України з управління зоною відчуження

Entwarnung oder nur eine Atempause im Kampf gegen das Feuer?

Dies ist noch nicht bestätigt, aber derzeit zeigen die Satellitenbilder keinen Brandherd, und die Feuerwehrleute melden lediglich einige lokale, kleine, schwelende Glutnester. Die Zonenverwaltung berichtete auch, dass seit heute Morgen kein offenes Feuer mehr beobachtet wurde. Die nächtlichen Regenfälle erwiesen sich ergiebiger als angekündigt – es gibt riesige Pfützen auf den Straßen und der Boden ist nass.

Natürlich ist die Situation noch weit davon entfernt, um Entwarnung zu geben – alles wird sich in den nächsten Stunden entscheiden, und jetzt hängt es von den Anstrengungen der Feuerwehrleute ab, ob die Brände eingedämmt werden können. Gestern war das Feuer bereits einige hundert Meter vom Atomkraftwerk Tschernobyl und der Stadt Pripjat entfernt. Noch schlimmer ist, dass gestern neue Feuerzellen aufgetaucht sind beispielsweise in der Nähe des Dorfes Rosocha im Süden der Sperrzone und im Osten in der Nähe des Dorfes Krzywa Góra. Würde sich das Feuer dort ausbreiten, wären die Chancen, es zügig zu löchen, aufgrund der Verwilderung und der Unzugänglichkeit dieser Gebiete sehr gering.

Foto. Державне агентство України з управління зоною відчуження

Das Kinderferienlager ist komplett niedergebrannt

Kein einziges Holzhaus in der Ferienanlage “Izumrudnoye” überlebte die Feuer in den Wäldern zwischen Pripjat und Tschernobyl. Dort standen sehr charakteristische Hütten mit Gemälden sowjetischer Märchenfiguren, wie Wolf und Hase oder Tscheburaszka, geschmückt.

Foto: Aleksandr Sirota
Foto: Seth Gl

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One reply on “Waldbrände in Tschernobyl – Größte Katastrophe seit 1986

  • Jennifer Alka

    Vielen Dank für diesen informativen Beitrag.
    Schade, dass die Feuer so viel Unheil in Tschernobyl angerichtet haben und von der Feuerwehr so spät gelöscht werden konnten. Glücklicherweise habe ich bereits 2019 mit euch die Tschernobyl Tour gemacht und konnte so noch das Kinderferienlager ablichten und in meinem Reiseblog veröffentlichen…
    Liebe Grüße
    Jenny

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