Eine kurze Erinnerung an das Jahr 1986 in der damaligen DDR

Im April 1986 – ich 17 Jahre alt und im ersten Ausbildungsjahr an einer Berufsschule mit Internat im Osten von Berlin. Wir hörten heimlich auf den Zimmern West-Radio. Der RIAS war problemlos zu empfangen und hatte die bessere Musik. Daher lief das Radio am Sonntagabend. In den Nachrichten brachten sie eine Mitteilung ĂŒber einen Reaktorunfall in der Sowjetunion. Wir diskutierten an diesem Abend lange ĂŒber die Situation und wussten, dass dieser Unfall auch Einfluss auf unser jetziges und zukĂŒnftiges Leben haben wird. Von den DDR-Medien war zu dieser Zeit nichts darĂŒber zu hören. Es wurde totgeschwiegen.

NĂ€chster Montagmorgen – erste Stunde Sport. Unser Lehrer, ein ehemaliger NVA-Offizier, verordnete 5 km Waldlauf unter dem Motto: „Nicht dass ihr denkt, ich schere mich um die aktuelle Lage. Frische Luft ist gesund!“ Mehr wurde darĂŒber nicht gesprochen und das Thema generell unter den Tisch gekehrt. Ich weiß nicht, ob diese Sportstunde einen Einfluss auf meine Gesundheit hatte. Ich habe noch viele Jahre danach Joggen mit diesem Ereignis verknĂŒpft und es gehasst.

Bei uns war die Welt also auch danach noch in Ordnung. In Westberlin und der BRD nicht. Plötzlich gab es Unmengen an frischem GemĂŒse: GrĂŒner Salat und Gurken – im FrĂŒhjahr! Jeder wusste, dass in Westdeutschland Niemand das (offensichtlich) verstrahlte GemĂŒse und Obst anrĂŒhrte. Wir auch nicht. Es war eine Zeit der GerĂŒchte und Vermutungen und wir hatten Angst. Was wĂŒrde die Zukunft bringen?

Die DDR war bis 1989 in permanenten Kriegszustand. Das erfuhr ich allerdings erst nach der Wende. Mit 14 lernten wir, wie ein sicherer Unterschlupf fĂŒr den Katastrophenfall zu bauen ist. Mit 16 robbten wir mit Gasmasken durch die Natur – eine Kombination aus Survivals- und Pfadfindertraining. Mit dem kalten Krieg lernten wir umzugehen. Eine Katastrophe durch die „guten“ Atome – das war nicht vorgesehen. Das UnglĂŒck von Tschernobyl wurde zur grĂ¶ĂŸten technologischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Heute begebe ich mich auf eine spannende Tschernobyl Reise

31 Jahre spĂ€ter mache ich mich mit 11 anderen Unerschrockenen auf den Weg nach Tschernobyl. Das Gebiet ist in zwei Zonen eingeteilt. In der 30 km Zone leben noch ca. 2000 Menschen, die hauptsĂ€chlich im Kraftwerk arbeiten. Hier ist auch das einzige Hostel zu finden, in dem wir zwei NĂ€chte verbringen. In der 10 km Zone liegt die heutige Geisterstadt Pripyat, ca. 4 km entfernt vom Reaktor 4. Vor der Katastrophe muss Pripiyat eine sehr lebenswerte Stadt fĂŒr ihre 50.000 Einwohner gewesen sein: Ein nie fertig gestelltes Stadion, eine Schiffsanlegestelle, Kino, Kulturhaus, Schwimmbad, Rummelplatz sowie zahlreiche Sporthallen, die Einwohner hatten viele Möglichkeiten. Heute sehen noch viele HĂ€user aus wie am Tag der Evakuierung, trotz PlĂŒnderungen und Vandalismus.

Im Krankenhaus stehen die Babybetten in Reihe als wĂ€re nichts passiert. Wir wandern ĂŒber kaum erkennbare Straßen und Wege. Die Natur hat sich Raum zurĂŒckerobert. Die einstige Hauptstraße ist mit BĂ€umen und StrĂ€uchern zu gewuchert und nicht mehr erkennbar. Wenn man mit den FĂŒĂŸen das Laub und den Humus wegschiebt, kommt der Beton zum Vorschein. Es ist still, sehr still. Nur vereinzelt hört man ein Zwitschern. Wo sind die Vögel? Bienen und Wespen sucht man ebenfalls vergebens. Das leise Ticken des MessgerĂ€tes am Hosenbund wird nur ab und zu unterbrochen von einem hektischen Fiepen, wenn die radioaktive Strahlung ĂŒber dem Grenzwert liegt. Hier kann ich mich nicht auf meine Sinne verlassen. Denn radioaktive Strahlung kann man nicht riechen, sehen oder schmecken. Ich laufe quasi blind durch die Gegend. Tiere sollen die Gefahr ja spĂŒren, ich verlasse mich auf den GeigerzĂ€hler. TatsĂ€chlich ist die Strahlung unregelmĂ€ĂŸig. Es gibt sogenannte Hotspots, die schlimmsten sind mit einem Warnschild versehen. Die Hauptwege und umliegende GebĂ€ude wurden dekontaminiert, so dass man sich gefahrenfrei bewegen konnte.

Erkundungstour zu Fuß durch die Straßen der Geisterstadt Pripjat

In drei Tagen, nach vielen Kilometern Weg und etlichen Stockwerken sind mir die Schicksale der Menschen in Pripyat und Umgebung nĂ€her. Ich wĂŒnschte ich könnte mich nur fĂŒr einen Augenblick 35 Jahre in die Vergangenheit zurĂŒck beamen und Szenen des tĂ€glichen Lebens beobachten. Besonders stark ist dieses GefĂŒhl im Kindergarten. Hier stehen noch die Spielzeugautos auf dem Tisch und Kinderschuhe im Schrank. Es muss ein schönes GebĂ€ude gewesen sein – offen und hell.

Abends ab 18 Uhr gehört Pripyat wieder den Geistern. Niemand darf sich ĂŒber Nacht dort aufhalten. Bevor wir die 10 km Zone verlassen, werden Fahrzeug und Mensch auf RadioaktivitĂ€t untersucht. Nach 3 Tagen haben wir eine errechnete Gesamt-Strahlendosis von ca. 29 Microsievert aufgenommen. Gut, dass in diesem Jahr kein Langstreckenflug mehr ansteht.

Die Reise wurde organisiert von urbexplorer.com und fand im September 2017 statt.

Marek & Marek – herzlichen Dank fĂŒr die tolle Organisation. 


Auf unserer spannenden Radioactive Nightcore Fotoexpedition erkunden wir an drei Tagen die Sperrzone von Tschernobyl bevor wir in die NĂ€he von Perwomajsk fahren wo bis in die 1990 ger Jahre an einem als Wetterstation getarnten Ort und mit einem 3000 Volt gesicherten, dreifachen Elektrozaun die sowjetischen Atomraketen stationiert waren. Diese Raketenbasis bestand aus mehreren KommandoplĂ€tzen in deren Silos jeweils 9 Atomraketen standen umgeben von einem 40 Meter tiefen Silo mit der KommandobrĂŒcke. Wir fahren bis zu 40 Meter tief in die Erde hinab um die ehemalige Steuerungszentrale zu erkunden die den Eindruck erweckt als ob man sich in einem Raumschiff befindet. Auf dieser ehemaligen Atomwaffenbasis finden wir auch die berĂŒhmte SS-18 die im NATO Code „Satan“ genannt wurde. Diese Rakete hat eine LĂ€nge von ĂŒber 34 Meter und eine Breite von 3 Metern. Die durchschnittliche Reichweite betrĂ€gt 16.000 Kilometer.

Die geheime Atomwaffenbasis liegt in einem sehr dĂŒnn besiedelten gebiet in der sĂŒdöstlichen Ukraine. Man erreicht die Basis nur ĂŒber eine rumpelige Schotterpiste und die nĂ€chste Stadt Kirowograd ist etwa 60 Kilometer entfernt. Diese lage war aber so gewollt, denn im Kriegsfall wĂ€ren die Basen selbst Ziel eines atomaren Angriffs und mussten deshalb fernab der StĂ€dte gebaut werden. Außerdem musste das Grundwasser sehr niedrig sein damit die etwa 40 Meter tiefen Silos gebaut werden konnten. Wo die sowjetischen Basen lagen, war ein streng gehĂŒtetes Geheimnis. Insgesamt sechs feste Basen und somit neunzig Silos samt BefehlsstĂ€nden waren ĂŒber das ganze Land verteilt, außerdem gab es drei mobile Basen die im Gebiet der nördlichen Ukraine und Weissrussland aufgebaut werden konnten.

Am 17. Dezember 1959 grĂŒndete die Sowjetunion die Strategischen Raketentruppen und rĂŒstete sich zur Atommacht auf. Die ersten Raketen in Perwomaisk waren vom Typ R-12 und hatten eine Reichweite von 2080 Kilometern. 1962 ließ Nikita Chruschtschow dieselben Raketen auf Kuba stationieren und löste damit die sogenannte Kuba-Krise aus. Von Kuba aus hĂ€tten die Raketen in wenigen Minuten Washington erreicht. Die Zielgenauigkeit der R-12 hatte die Armee zuvor geprĂŒft. Der Test trug den Namen „Operation Rose“. Man rĂŒstete die Raketen mit einem leichten Atomsprengkopf aus und brachte sie nach Workuta in Sibirien um spezielle Tauglichkeitstests durchzufĂŒhren. Die Raketen waren bis auf 40 Meter zielgenau, was zu dieser Zeit ein großer Erfolg war. Aber die R-12 hatte einen Nachteil. Sie musste vor jedem Start aufgetankt werden, was etwa zweieinhalb Stunden dauert und im Ernstfall verhĂ€ngnisvolle Folgen nach sich ziehen wĂŒrde . Deshalb wurde die R-12 Mitte der sechziger Jahre von der UR-100 abgelöst. Diese war innerhalb von Minuten einsatzbereit.

Auf unserer weiteren Erkundung betreten wir ein unscheinbares BetonhĂ€uschen. Hier befindet sich der Eingang zur unterirdischen Schaltzentrale, wo die Atomraketen abgefeuert worden wĂ€ren. Beim Betreten der unterirdischen Schaltzentrale fĂŒhlt man sich wie in einem James-Bond Krimi. In diesem haus wurde auch eine ausgeklĂŒgelte BelĂŒftungsanlage eingebaut. Auf der linken Seite steigen wir eine zwei Meter lange Leiter hinab. Sie fĂŒhrt zu einem schmalen Tunnel. Nach etwa 100 Metern endet der Tunnel an einer Schleuse, die mit zwei dicken StahltĂŒren gesichert ist, diese konnten damals nur mit einem speziellen Zugangscode geöffnet werden. Hinter der Schleuse wartet ein winziger Fahrstuhl, in den gerade drei Leute hineinpassen. Der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung und wir fahren 45 Meter abwĂ€rts vorbei an verschiedenen Etagen des Kommandosilos. Nach einer Weile sind wir mit dem Fahrstuhl auf der Ebene der Kommandozentrale angekommen. Die ist vollgestopft mit Technik und erinnert stark an ein Raumschiffcockpit. Direkt unter der Schaltzentrale, zu erreichen mit einer Metalleiter, befindet sich ein zweiter Raum mit Schlafkojen. In einem Kommandosilo waren immer 3 Offiziere stationiert, die den Raketenpult haben bedienen mĂŒssen.

Den geheimnisvollen roten Knopf gab es hier nicht. Im Kriegsfall wĂŒrde der Abschussbefehl vom Oberkommando der Sowjetarmee aus Moskau kommen. Am Kontrollpult hĂ€tte ein LĂ€mpchen aufgeleuchtet und ein Summen wĂ€re ertönt. Auf einem Monitor wĂ€re das Wort „Pusk“ (russisch: Start) erschienen. Der befehlshabende Offizier hĂ€tte einen Tresor geöffnet, in dem sich zwei Schachteln mit jeweils zwei SchlĂŒsseln befanden. Ein SchlĂŒssel war fĂŒr den Befehlshaber, der andere fĂŒr den Co-Offizier bestimmt. Die beiden hĂ€tten die SchlĂŒssel gleichzeitig in die ZĂŒndvorrichtung einsetzen mĂŒssen.

Danach wĂ€re auf einem anderen Monitor ein sechsstelliger Code erschienen. Dann hĂ€tte der Befehlshaber aus dem Oberteil des Tresors eine dritte Schachtel herausgeholt. Darin befand sich ein versiegelter Briefumschlag mit einer weiteren sechsstelligen Zahlenfolge. Wenn deren letzte Ziffer mit dem letzten Zeichen des Codes auf dem Monitor ĂŒbereingestimmt hĂ€tte, wĂ€ren die Offiziere zum Abschuss der Raketen berechtigt gewesen.

Nur beide Offiziere gleichzeitig hĂ€tten die Raketen zĂŒnden können. Dazu hĂ€tten sie mit der linken Hand den Startknopf gedrĂŒckt gehalten. Mit der rechten Hand hĂ€tten sie die ZĂŒndschlĂŒssel gegen den Uhrzeigersinn um 90 Grad drehen mĂŒssen. Diese Prozedur musste zwei Mal erfolgen, nur dann wĂ€ren die Raketen gestartet. Dieser Ablauf wurde jahrelang geĂŒbt. Dem Angriff der Gegner hĂ€tte der Bunker leicht standgehalten denn er war ummantelt mit einer dicken Betonschicht und die Kapsel der KommandobrĂŒcke war auf StoßdĂ€mpfern gebaut. Vierzig Tage hĂ€tten die Offiziere in totaler Isolation ĂŒberleben können. Es standen Notrationen bereit, sogar eine Mikrowelle gab es im Bunker. Nach Verbrauch der VorrĂ€te wĂ€ren die Soldaten in ein Rohr gekrochen und in einer Luftdruckkapsel nach oben geschossen worden. Der Fahrstuhl wĂŒrde dann wohl nicht mehr funktionieren. Oben hĂ€tten sie sich SchutzanzĂŒge ĂŒbergezogen und wĂ€ren in die verstrahlte Gegend hinausgegangen. Und was dann? Zum GlĂŒck ist es nicht so weit gekommen.