Hofkirche Goschütz: Das Geheimnis der Grafen von Reichenbach

Gruft-Kirchen-Polen

Zwei Brände, ein Geheimnis: Die Hofkirche der Grafen von Reichenbach

Es gibt Orte, die einen nicht loslassen, obwohl man nur einmal dort war. Goschütz, das heutige Goszcz in Niederschlesien, ist so ein Ort. 2015 stand ich dort in der ehemaligen Hofkirche der Grafen von Reichenbach, es war Herbst, und durch die Risse im Mauerwerk fiel Licht so schräg und golden ins Innere, dass es aussah, als würde das Gestein selbst glühen. Ich habe fotografiert, ohne zu wissen, wie oft an diesem Ort tatsächlich schon Feuer die Geschichte geschrieben hatte.


Kanzel-Kirche-Goszcz-Fototour


Ein Gotteshaus für eine Grafenfamilie

Die Hofkirche wurde zwischen 1743 und 1749 nach den Plänen des Baumeisters Ernst Gottlieb Klackbrenner errichtet, direkt verbunden mit dem Schloss der Familie von Reichenbach. Von außen wirkt sie unscheinbar, fast schlicht. Wer aber hineingeht, steht plötzlich unter einer ovalen Kuppeldecke, getragen von Säulen, umlaufende Galerien ziehen den Blick nach oben, Stuck und Rokoko-Ornamente ranken sich über die Wände. Es ist ein Innenraum, der so gar nicht zu der stillen, halb vergessenen Landschaft passt, in der er heute steht.

Unter der Kirche liegt die eigentliche Besonderheit: die Grabkapelle der Reichenbachs, mit kunstvoll gearbeiteten Barock- und Rokoko-Sarkophagen. Hier ruhte über Generationen hinweg eine der einflussreichsten Adelsfamilien Schlesiens, oder besser gesagt, hier ruhte, was von ihnen übrig blieb. Nach dem Krieg wurden viele der Sarkophage aufgebrochen und geplündert. Wer genau das tat, ist bis heute nicht restlos geklärt.


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Ein Schloss, zweimal vom Feuer heimgesucht

Die Kirche stand nie für sich allein, sie war Teil eines der prächtigsten Schlösser Niederschlesiens. Schon der erste Schlossbau von 1730 fiel 1749 einem Brand zum Opfer, mitsamt Kunstschätzen, die Graf Heinrich Leopold von Reichenbach auf seinen Reisen durch Italien, Frankreich und England gesammelt hatte. Unbeirrt ließ er neu bauen, größer, prächtiger, nach französischem Vorbild. Bis 1755 stand ein Schloss, das zu den schönsten Barockanlagen Schlesiens zählte.

Fast zweihundert Jahre blieb es im Besitz der Familie. Dann kam 1945. Die Reichenbachs flohen, das Schloss wurde zunächst von der Roten Armee besetzt, später von der örtlichen Verwaltung übernommen. In den folgenden Monaten verschwanden Bibliotheken, Teppiche, Spiegel, Marmorverzierungen, Stück für Stück.


Lost Places Fototour Polen
Lost Places Fototour Polen

Im Dezember 1947, mutmaßlich in der Nacht vor Weihnachten, brach das zweite und letzte Feuer aus. Die Feuerwehren aus mehreren Städten der Region rückten an, darunter Breslau und Kalisch, doch das Feuer war nicht zu bändigen. Zehn Tage lang schwelte es noch in den Trümmern. Bis heute gibt es zwei Versionen, was wirklich geschah. Die eine spricht von gezielter Brandstiftung, um die Spuren jahrelanger Plünderungen zu verwischen. Die andere erzählt von einem Krippenspiel der Dorfkinder und einem unachtsam gelöschten Kerzenlicht, das sich in der Dunkelheit ausbreitete. Aufgeklärt wurde es nie.


Lichtspiel im Herbst-Kirche-Polen
Kirche Christus der gute Hirte

Zerfall, Stille, und ein zögerliches Erwachen

Während das Schloss zur Ruine wurde und es bis heute blieb, hatte die Kirche nebenan ein anderes Schicksal, wenn auch kein einfacheres. 1939, kurz vor dem Krieg, war sie noch aufwendig renoviert worden. Danach fiel sie für Jahrzehnte in einen Dornröschenschlaf, dem Verfall überlassen, wie so viele evangelische Kirchen dieser einst deutschen Region, deren Gemeinden 1945 verschwanden, während katholische Neusiedler aus anderen Teilen Polens nachrückten.

Erst 1995 begannen erste Sicherungsarbeiten. Und ausgerechnet im Jahr meines Besuchs, 2015, fiel die Entscheidung, die Kirche als Kulturzentrum wiederzubeleben. Ich habe also, ohne es zu wissen, einen Ort in genau dem Moment fotografiert, in dem sich seine Zukunft neu entschied, irgendwo zwischen Ruine und Wiederauferstehung.


Sarg und Lichtspiel in der Grabkapelle in Polen
Evangelical Church in Goszcz Palace

Was von einem Ort bleibt

Wenn man heute durch den Park von Goszcz geht, an der Schlossruine vorbei zur Kirche, läuft man durch eine Landschaft, die von Verlust erzählt, aber auch von Beharrlichkeit. Ein Schloss, das zweimal brannte und nur einmal wieder aufgebaut wurde. Eine Kirche, die ihre Gemeinde verlor und trotzdem stehen blieb. Sarkophage, die geplündert wurden, aber noch immer die Namen derer tragen, die einst hier lebten und regierten.

Ich denke oft an das Licht zurück, das an jenem Herbsttag durch die Mauerritzen fiel. Es wirkte, als wolle der Ort selbst noch einmal daran erinnern, was hier gebrannt hat, und was bis heute niemand vollständig erklären kann.

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