Krasny Bereg – ein tiefschwarzes Kapitel der Geschichte

Krasny Bereg

Das Dorf Krasny Bereg liegt 200 Kilometer südöstlich von der weißrussischen Hauptstadt Minsk. Nur wenige werden jemals von dem beschaulichen Örtchen gehört haben, doch im Zweiten Weltkrieg war es Schauplatz eines der grausamsten Verbrechen, die man sich vorstellen kann. Im Jahr 1943 errichteten die Nationalsozialisten in diesem Dorf ein hauptsächlich für Kinder vorgesehenes Konzentrationslager. Heute erinnert eine Gedenkstätte von für Weißrussland nationaler Bedeutung an dieses tiefschwarze Kapitel der Geschichte. Sie ist den hilflosesten Opfern des Krieges – den Kindern – und ihrer vom Krieg gestohlenen Kindheit gewidmet. Der Ort wirkt hell und erfüllt vom Licht der Hoffnung, doch vielen Besuchern fällt es schwer, ihre Tränen an diesem von Schrecken und Leid geprägten Ort zurückzuhalten.

Bis zum letzten Tropfen

Krasny Bereg wurde am 5. Juli 1941 von den Nationalsozialisten besetzt. Im ehemaligen Gutshof des Dorfes richteten sie ein Lazarett ein, für das große Mengen an Blutspenden benötigt wurden. Zwei Jahre später errichteten sie deshalb eines der schrecklichsten Konzentrationslager des Zweiten Weltkrieges, in dem circa 15.000 Menschen, darunter rund 12.000 Kinder aus verschiedenen Teilen Weißrusslands und der UdSSR, gefangen gehalten wurden. Unter den Kindern fanden sich hauptsächlich Mädchen im Alter von 8 bis 15 Jahren mit der Blutgruppe A positiv.

Nach offiziellen Angaben war das Lager eine Sammelstelle, an der die Kinder untersucht und anschließend als Blutspender für verwundete Soldaten nach Deutschland gebracht wurden – etwa 2.000 Kinder aus den Städten Rahatschou, Dobrusch und Schlobin in der Region Gomel mussten dieses Schicksal erleiden. Auch vor Ort wurde ihnen das Blut wortwörtlich bis zum letzten Tropfen abgenommen, da man annahm, dass das Blut von Kindern gesünder und reiner ist als das von Erwachsenen. Doch in Krasny Bereg wurde den Kleinen das Blut nicht nur aus der Vene entnommen – die Nationalsozialisten versuchten sich auch an einer neuen „wissenschaftlichen“ Methode. Nach dieser unvorstellbar grausamen Prozedur, die wir hier bewusst NICHT beschreiben, wurden die Kinder wie Abfall entsorgt. Sie wurden weggebracht und verbrannt, 1.990 Kinder starben. Diejenigen, die diesem Schicksal entkamen, wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert oder mussten brutale Experimente über sich ergehen lassen, deren Beschreibung in ihrer Unmenschlichkeit jegliche Vorstellung übertrifft. Insgesamt starben über 5.000 Menschen in Krasny Bereg.

Ein symbolträchtiges Denkmal

Die Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers wurde vom weißrussischen Architekten Leonid Levin entworfen. Die weißrussische Gedenkkultur ist eng mit dem künstlerisch-politischen Leben und Wirken Lewins verbunden. Als Verbandsvorsitzender der jüdischen Gemeinden in Weißrussland kannte er wie kein Zweiter das Schicksal vieler Menschen, das er unter anderem als Architekt von Gedenkstätten wie Chatyn, Stalag 342 und vielen anderen widerspiegelte. Der von Apfelbäumen gesäumte und als „Platz der Sonne“ bezeichnete Komplex besteht aus den folgenden Elementen:

Skulptur eines Mädchens: Ein ausgemergeltes und erschöpftes Mädchen erhebt verzweifelt seine dünnen Arme, um sich vor den Schrecken der Nationalsozialisten zu schützen. Sie verkörpert alle weißrussischen Kinder, die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind.

Weißes Klassenzimmer: Eine Komposition aus leeren weißen Schultischen und -bänken. Aus dem „toten Klassenzimmer“ fließt ein Fluss aus Kinderblut.

Brief eines Mädchens: Auf der Tafel des „toten Klassenzimmers“ ist der Abschiedsbrief der 15-jährigen Katya Susanina an ihren Vater abgebildet. Das Mädchen schrieb ihn, bevor es Selbstmord beging, um der Deportation nach Deutschland zu entgehen.

Karte von Weißrussland: Sie befindet sich auf der Rückseite der Tafel und zeigt alle 14 Standorte der Konzentrationslager auf weißrussischem Territorium.

Schiff der Hoffnung: Dieses Element steht im Zentrum des Komplexes. Auf den schneeweißen Segeln stehen Kindernamen.

Kindermalerei: Hinter dem Schiff der Hoffnung befinden sich mehr als 20 Glaskunstwerke. Durchflutet von Licht sollen sie die Dunkelheit des Todes besänftigen.

Apfelallee: Die Apfelbäume sind ein wichtiger Bestandteil der Gedenkstätte. Sie symbolisieren das vergossene Blut der Kleinen, die Erinnerung daran, aber auch die Hoffnung.

Die Pfade, die sich vom Zentrum des Denkmals aus in alle Himmelsrichtungen ausbreiten, symbolisieren die Strahlen der Sonne.

Gegen das Vergessen

Der Besuch der Krasny Bereg-Gedenkstätte ist fester Bestandteil unserer 7-tägigen Rundreise durch Weißrussland. Trotz der spürbaren Schrecken, die diesen Ort selbst 76 Jahre später noch fest im Griff haben, ist er von immenser Bedeutung für die Menschheit. Diejenigen, die sich noch daran erinnern, werden bald nicht mehr unter uns sein, dann wird es niemanden mehr geben, der aus eigener Erfahrung über diese schreckliche Zeit berichten kann. Die Erinnerungskultur hat eine besondere Bedeutung; wir dürfen solche Geschehnisse niemals vergessen, denn wenn das passiert, besteht die Gefahr, dass sie wiederholt werden.

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