Fukushima: Das Tschernobyl Japans?

Bisher gab es weltweit nur zwei atomare UnfĂ€lle, die auf der siebenstufigen INES-Skala (Internationale Bewertungsskala fĂŒr nukleare Ereignisse) die höchste Stufe erreichten. Mit dieser Skala beschreibt die Internationale Atomenergie-Organisation Katastrophen mit weitreichenden gesundheitlichen und ökologischen Auswirkungen.

Ein Abriss der Ereignisse

Am 11. MĂ€rz 2011 erschĂŒtterte ein ungefĂ€hr zweiminĂŒtiges Erdbeben der StĂ€rke 9,0 die OstkĂŒste der japanischen Hauptinsel HonshĆ«. Sein Epizentrum lag 163 Kilometer nordöstlich des Kernkraftwerks Fukushima I. Die ersten Wellen des Bebens regten dort Seismometer an, die eine Schnellabschaltung der Reaktoren 1 bis 3 auslösten. Gleichzeitig fiel die externe Stromversorgung des Kraftwerks durch SchĂ€den an dessen Schaltanlagen aus und zwölf der dreizehn Notstromdieselgeneratoren starteten. Alle sechs Blöcke schalteten in der Folge auf NotkĂŒhlung um.

Das Beben erzeugte Tsunamiwellen, die ungefĂ€hr 13 bis 15 Meter hoch waren, rund 20.000 Menschen das Leben kosteten und ganze StĂ€dte auslöschten. Laut der Internationalen Atomenergie-Organisation war Fukushima I nicht an das vorhandene Tsunami-Warnsystem angeschlossen, sodass das Bedienpersonal keine frĂŒhzeitige Alarmierung erhielt. FĂŒr den zum Meer gerichteten Teil des GelĂ€ndes existierte nur eine 5,70 Meter hohe Schutzmauer. Die zehn Meter ĂŒber dem Meeresspiegel gelegenen Reaktorblöcke 1 bis 4 wurden bis zu fĂŒnf Meter hoch ĂŒberschwemmt, die drei Meter höher erbauten Blöcke 5 und 6 bis zu einem Meter. Die an der KĂŒste positionierten Meerwasserpumpen wurden zerstört, AbwĂ€rme konnte nicht mehr abgegeben werden und fĂŒnf der zwölf laufenden Notstromaggregate sowie die meisten StromverteilerschrĂ€nke wurden ĂŒberschwemmt.

Aufgrund der mangelnden KĂŒhlung sowie weiterer technischer und organisatorischer Probleme kam es zu Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3 und zu Explosionen in den Blöcken 1, 3 und 4, welche die ReaktorgebĂ€ude teils schwer beschĂ€digten. Hochradioaktiver Schutt wurde auf das KraftwerksgelĂ€nde geschleudert, stark kontaminiertes Wasser trat aus. WĂ€hrend der Explosionen und BrĂ€nde stieg die Strahlenbelastung auf dem GelĂ€nde stark an und es kam zu einer erheblichen Umweltbelastung auf dem Festland – vor allem in den PrĂ€fekturen Fukushima und Ibaraki – sowie im nĂ€heren Pazifischen Ozean.

Nicht zu vergleichen

Trotz ihrer verheerenden Auswirkungen sind beide Katastrophen nicht miteinander vergleichbar. Es waren zwei verschiedenartige Reaktortypen betroffen und die Auslöser der Katastrophen waren völlig unterschiedlich, daher verliefen die UnfĂ€lle ganz anders. Entsprechend weichen auch die Folgen, zum Beispiel die Freisetzung radioaktiver Stoffe, voneinander ab. Block 4 in Tschernobyl war ein wassergekĂŒhlter und graphitmoderierter Reaktor ohne Containment (schĂŒtzender Mantel um den Reaktorkern). Eine Kombination mit schwerwiegenden SicherheitsmĂ€ngeln. Die Siedewasserreaktoren von Fukushima hingegen haben keinen entflammbaren Graphitkern und sind durch einen Mantel geschĂŒtzt, was die Kernschmelze am Ende aber dennoch nicht verhindern konnte.

Keine genauen Opferzahlen

Es ist nahezu unmöglich, zu beurteilen, wie viele Menschenleben ein Atomunfall gefordert hat. Mehrheitlich wird Tschernobyl in der Wissenschaft jedoch schlimmer als Fukushima bewertet und somit als die schÀdlichste Atomkatastrophe, die die Welt je gesehen hat, eingeordnet. Innerhalb der ersten Monate nach dem Unfall starben 30 Menschen an akuter Strahlenkrankheit. Heute schÀtzen Wissenschaftler, dass Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende von Menschen schwer von der Katastrophe betroffen waren und noch immer sind. Nach dem heutigen Wissensstand wurden wÀhrend der Geschehnisse in Fukushima keine Menschen unmittelbar getötet. Allerdings kam es zu schÀtzungsweise 1.600 stressbedingten TodesfÀllen.

Gravierende Folgen fĂŒr Natur und Umwelt

DarĂŒber hinaus sind auch die Auswirkungen auf Natur und Umwelt sehr unterschiedlich. Einer Studie aus dem Jahr 2013 zufolge hat Tschernobyl zehnmal mehr radioaktives Material in die Umgebung ausgestoßen als Fukushima. Dies ist unter anderem auf den tagelangen Graphitbrand zurĂŒckzufĂŒhren, durch den per Kamineffekt eine große Menge radioaktive Substanzen in sehr große Höhen aufsteigen konnte. WĂ€hrend sich die Emissionen von Tschernobyl in ganz Europa verteilten, sind die Kontaminationen in Fukushima deutlich lokaler. Dort gelangte allerdings ein Großteil des Austrages in den Pazifischen Ozean. ZusĂ€tzlich erzeugt Fukushima noch immer Millionen Tonnen radioaktives Wasser.

Zwei ungleiche Sperrzonen

Die Sperrzone von Fukushima ist mit 230 Quadratkilometern ungefĂ€hr fĂŒnfzehn Mal kleiner als die rund 3.500 Quadratkilometer umfassende Sperrzone von Tschernobyl. Obwohl in Fukushima die meisten der rund 160.000 Evakuierten wieder in ihre HĂ€user zurĂŒckkehren durften, sind noch immer 30.000 Menschen in NotunterkĂŒnften untergebracht. Aus dem Gebiet der Sperrzone von Tschernobyl wurden insgesamt circa 350.000 Menschen evakuiert. Nur die wenigsten Bewohner des Gebietes durften wieder in ihre HĂ€user zurĂŒck und leben nun, geduldet vom Staat, am Existenzminimum.

Die Evakuierung der Menschen aus dem Umkreis von Fukushima I verlief trotz der durch den Tsunami zerstörten Infrastruktur sehr viel schneller als in Tschernobyl. Dort wurden die rund 50.000 Einwohner Prypjats erst 36 Stunden nach der Explosion evakuiert. In einem Umkreis, der in Japan heute offiziellen Angaben zufolge weitestgehend evakuiert ist, fanden in der Ukraine noch fĂŒnf Tage nach dem UnglĂŒck die Feierlichkeiten zum 1. Mai statt. 1986 waren die Menschen noch ahnungslos. Selbst Experten war das Ausmaß der Katastrophe nicht klar. Zu diesem Zeitpunkt glaubte man noch, dass der Reaktorkern intakt geblieben sei. Erst nach mehreren Tagen wurde der Evakuierungsradius auf zehn und spĂ€ter 30 Kilometer vergrĂ¶ĂŸert.

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GefÀhrliches Versteckspiel

Ähnlichkeiten gab es allerdings bei der Veröffentlichung von Informationen. Trotz dass Schutz- und Vorsorgemaßnahmen fĂŒr Japans unmittelbar betroffene Bevölkerung zwar verzögert umgesetzt, aber dennoch schneller durchgefĂŒhrt wurden als nach dem ReaktorunglĂŒck von Tschernobyl, gab es massive Kritik an der Informationspolitik des Kraftwerkbetreibers und der Behörden. Die Ereignisse in Fukushima konnte man auf der ganzen Welt live im Fernsehen verfolgen. Die japanische Atomaufsichtsbehörde reagierte schnell, selbst wenn einzelne Aussagen widersprĂŒchlich waren und die Katastrophe erst gut einen Monat spĂ€ter mit der höchsten Stufe der INES-Skala bewertet wurde. Allerdings musste der Kraftwerkbetreiber Tepco in den Wochen nach der Katastrophe mehrfach falsch ausgewiesene Strahlungsmesswerte korrigieren und hat SchĂ€den am Kraftwerk erst dann eingestanden, als sie nicht mehr zu ĂŒbersehen waren. Selbst die japanischen Behörden wurden aufgrund unzureichender Informationen von China, den USA, Mitgliedsstaaten der Internationalen Atomenergie-Organisation und der Vereinten Nationen kritisiert.

Moskau verheimlichte damals die meisten Informationen – zuerst aus Unwissenheit, danach aus Prinzip – und verhĂ€ngte eine Informationssperre. Es dauerte fast drei Tage, bis die Geschehnisse in Tschernobyl durch Mitarbeiter des schwedischen Atomkraftwerks Forsmark entdeckt und am gleichen Abend von sowjetischer Seite als „Havarie“ bestĂ€tigt wurden. Das gesamte Ausmaß der Katastrophe jedoch wurde in der Sowjetunion drei Jahre lang verschwiegen. Neben der Verharmlosungspolitik der sowjetischen Regierung ist dies auf mangelnde Messdaten und eine fehlende adĂ€quate Informationstechnologie der damaligen Zeit zurĂŒckzufĂŒhren.

Ungewisse Zukunft

Trotz aller Unterschiede eint die Nuklearkatastrophen von Fukushima und Tschernobyl, dass sie tiefe Verunsicherung auslösten. Sie fĂŒhrten der Menschheit ihre eigene Hilflosigkeit vor Augen, die trotz aller technischer Errungenschaften noch immer bei solchen UnglĂŒcken herrscht. Auch 33 Jahre nach Tschernobyl und mittlerweile acht Jahre nach Fukushima sind die technischen, medizinischen und psychologischen Folgen spĂŒrbar. Wir stehen der Kernkraft, 81 Jahre nach ihrer Entdeckung, noch immer machtlos gegenĂŒber.

Die Ukraine und Japan mĂŒssen eine Lösung fĂŒr den radioaktiven SondermĂŒll finden. In Tschernobyl ist man durch die Errichtung des New Safe Confinement schon einen Schritt weiter. Die RĂŒckbauarbeiten des alten Sarkophags sind mittlerweile in vollem Gange. In Japan hat Tepco erneut damit begonnen, BrennstĂ€be aus einem der zerstörten Reaktoren zu bergen. Doch wohin damit? Bis heute gibt es keine zuverlĂ€ssigen Schutzmaßnahmen und kein sicheres Endlager. Die Suche nach einer Lösung, wie der strahlende Abfall dieser angeblich sicheren und sauberen Energiegewinnung entsorgt beziehungsweise gelagert werden soll, wird noch viele Generationen vor große HĂŒrden stellen.

Mit eigenen Augen

Mit dem nötigen Respekt fĂŒr die Opfer und Hinterbliebenen besuchen wir als Fotoreisende die Sperrzone von Tschernobyl. Hier bieten sich beeindruckende Motive fĂŒr einzigartige Bilder. Wenn ihr Tschernobyl mit eigenen Augen sehen wollt, findet ihr auf unserer Seite Tschernobyl Reisen alle Informationen, die ihr fĂŒr eure individuelle Fotoreise mit Urbexplorer benötigt.

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