Die Katastrophe von Tschernobyl

Im M├Ąrz 2015 startete die erste Reise nach Tschernobyl & Pripjat. Nun sind wir schon im dritten Jahr und fahren etwa ein Mal im Monat in die Sperrzone, mit einer kleinen Gruppe von Abenteurern.

Bei unserer Tschernobyl Tour hatten wir die einmalige M├Âglichkeit an einer gef├╝hrten wissenschaftlichen F├╝hrung durch die Bl├Âcke 1 bis 3 des Kraftwerkes teilzunehmen sowie auf dem Au├čengel├Ąnde den Fortschritt an den Arbeiten am neuen Sakrophag zu begutachten. In einem theoretischen Teil bekamen wir an einem Modell des havarierten Block 4 der im Informationszentrum steht eine Chronologie der Entscheidungen die zu dieser fatalen Kettenreaktion gef├╝hrt haben die den Supergau von Tschernobyl ausgel├Âst hat. Au├čerdem bekommen wir einen Einblick in die Funktionsweise des Kraftwerkes und d├╝rfen den Kontrollraum von Bloch 2 betreten.

Ablauf der Tschernobyl Katastrophe

Bereits am 25. April 1986 sollte im 4. Block ein Experiment stattfinden, bei dem ├╝berpr├╝ft werden sollte, ob die Turbinen bei einem kompletten Stromausfall im Kraftwerk noch gen├╝gend Strom liefern k├Ânnen, um die Notk├╝hlung des Reaktors zu gew├Ąhrleisten. Um das Experiment unter realistischen Bedingungen stattfinden zu lassen, wurde das Notprogramm „Havarieschutz“ abgeschaltet, in dem alle wichtigen Sicherheitseinrichtungen wie die Notk├╝hlung und das Einfahren der Bremsst├Ąbe zusammengefa├čt sind. Doch der Beginn des Experiments wurde verschoben, so dass die unvorbereitete Nachtschicht des 26. April die Durchf├╝hrung eines Experiments ├╝bernahm, dessen Versuchsanordnung den Reaktor praktisch schutzlos gemacht hatte.

Der Supergau von Tschernobyl – Eine Kette fataler Entscheidungen

Durch einen Bedienungsfehler des unerfahrenen Reaktoroperators Leonid Toptunow fiel kurz vor Beginn des Experiments die Reaktorleistung stark ab. Um sie wieder anzuheben, entfernten die Operatoren Bremsst├Ąbe (mit denen die atomare Kettenreaktion kontrolliert werden kann) und unterschritten dabei die zul├Ąssige Minimalgrenze von 28 St├Ąben. Damit war der Reaktor noch schwerer zu beherrschen und in einem gef├Ąhrlichen Sicherheitszustand.

1.22:30 Uhr

Dennoch befahl der Stellvertretende Chefingenieur des Kraftwerks, Anatolij Djatlow, den Beginn des Experiments. Dabei schalteten die Operatoren zu viele K├╝hlpumpen zu, so dass der mit wenig Leistung arbeitende Reaktor das ihn umflie├čende Wasser nicht mehr verdampfen konnte. Das Wasser begann aufzukochen, und erste hydraulische Schl├Ąge waren zu h├Âren. Akimow, der Schichtleiter, und Toptunow wollten den Test abbrechen, doch Djatlow trieb sie weiter an. Dabei sprach er die historischen Worte: „Noch ein, zwei Minuten, und alles ist vorbei! Etwas beweglicher, meine Herren!“

1.23:04 Uhr

Als die Bedienungsmannschaft nun den Strom abschaltete und nur die Auslaufenergie der Turbine die Wasserpumpen antrieb, wurde wieder weniger K├╝hlwasser durch den Reaktorkern gepumpt. Das Wasser wurde hei├čer, erreichte aber nur die Siedetemperatur. Da der Reaktor nur bei verdampfendem K├╝hlwasser ausreichend gek├╝hlt werden kann, begann seine Leistung anzusteigen.

1.23:40 Uhr 

Sp├Ątestens an dieser Stelle w├Ąre der Havarieschutz komplett angelaufen und h├Ątte die Katastrophe verhindert, aber er war ja abgeschaltet. Als Akimow den sprunghaften Leistungsanstieg im Reaktor bemerkte, l├Âste er um 1.23:40 Uhr den Havarieschutz manuell aus. Sofort wurden alle Bremsst├Ąbe, die sich nicht in der aktiven Zone befanden, eingefahren (├╝ber 200 St├╝ck!). Doch genau an diesem Punkt entbl├Â├čte der Reaktor seinen gravierendsten Konstruktionsfehler: Die Einfahrgeschwindigkeit der Bemsst├Ąbe ist viel zu niedrig, deutlich langsamer als in westlichen Kernkraftwerken. Au├čerdem befinden sich an der unteren Spitze der Bremsst├Ąbe Graphitk├Âpfe, welche die Kettenreaktion nur noch beschleunigen. Das Einfahren der Bremsst├Ąbe soll die Kettenreaktion aber stoppen. Auf diesem Konzept beruht der Sicherheitsmechanismus jedes Kernkraftwerks. Der Konstruktionsfehler f├╝hrte aber genau zum Gegenteil. Da die Graphitspitzen zuerst eingef├╝hrt wurden, erh├Âhte sich die Leistung f├╝r einen Moment sprungartig – der letzte Schub, der „Todessto├č“ f├╝r den au├čer Kontrolle geratenen Reaktor.

Fatalerweise hatten sich durch die ungeheure Hitze im Reaktorkern auch noch die Kan├Ąle der Bremsst├Ąbe verformt, und die Bremsst├Ąbe verklemmten sich unwiderruflich. Es waren beinahe nur die reaktionsbeschleunigenden Graphitk├Âpfe im Reaktor. Die Katastrophe war nicht mehr zu verhindern. In der aktiven Zone begann eine chemische Reaktion zwischen dem Zirkonium, das die mitllerweile geborstenen Brennstoffkammern umh├╝llt, und dem Dampf. Es bildeten sich Wasserstoff und Sauerstoff – Knallgas!

1.23:58 Uhr

Nun zerri├č eine m├Ąchtige Knallgasexplosion den Reaktor und alles, was ihn umgab. Ein gro├čer Teil des radioaktiven Reaktorinhalts wurde nach drau├čen geschleudert. Gl├╝hende Teile entz├╝ndeten die Teerdachpappe der D├Ącher des Maschinenhauses und des benachbarten 3. Blocks. Nur der heldenhafte Einsatz von Feuerwehrleuten und Kraftwerksmitarbeitern verhinderte in dieser Nacht eine noch gr├Â├čere Katastrophe.┬áBei der Explosion wurden zwei M├Ąnner durch herabst├╝rzende Tr├╝mmer erschlagen. In den Wochen nach der Katastrophe starben noch weitere 30 Menschen. Sie erlagen der gewaltigen Strahlung, der sie bei ihren Rettungsarbeiten ausgesetzt waren. Unter ihnen sind Feuerwehrleute, die Operatoren Akimow und Toptunow sowie Mitglieder des Betriebspersonals des Kraftwerks.

In den folgenden Monaten kamen sogeannte „Liquidatoren“ nach Tschernobyl (Soldaten, Studenten und „Freiwillige“), die das Kraftwerk dekontaminierten, weitere Gefahrenquellen eliminierten und schlie├člich den Sarkophag umbauten, der heute den explodierten 4. Block umschlie├čt. Die Zahlenangaben zu den eingesetzten Personen schwanken zwischen 600.000 und 1,2 Millionen Menschen.

Tschernobyl – Der neue Sarkophag

Die Errichtung des Sarkophags wurde von den Liquidatoren unter Opferung ihrer Gesundheit schon wenige Wochen nach dem Unfall in Angriff genommen und im November 1986 abgeschlossen. Die in aller Eile errichtete, massive Beton-Stahl-Konstruktion ist ├╝ber die Jahre instabil geworden und stellt heute eine riskante Situation dar. Zahlreiche Reparaturen wurden bereits durchgef├╝hrt, unter anderem die Stabilisierung des Ventilationssystems, das Verschliessen von L├Âchern und eine Verst├Ąrkung der Dachkonstruktion. Dennoch wurde parallel ein Plan ausget├╝ftelt, mit dem eine zweite, stabile Sarkophagkonstruktion ├╝ber die bereits bestehende Schutzh├╝lle gezogen werden soll. Diese ambitionierte Vision der Ingenieure ist nun fertiggestellt. Neben der Reaktorruine entstand┬áeine bogenf├Ârmige Stahlkonstruktion mit einer Breite von 245 Metern, einer L├Ąnge von 144 Metern und einer H├Âhe von 86 Metern, ein Bauwerk, doppelt so gro├č wie der K├Âlner Dom. Auf Schienen wurde die Konstruktion dann ├╝ber den alten Sarkophag geschoben und an den Seiten verschlossen. Die Arbeiten an der Infrastruktur wurden abgeschlossen und im November 2016 wurde der Stahlgigant fertiggestellt und ├╝ber die Tschernobyl-Ruine geschoben.


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