11 Jahre nach der Katastrophe – Wilhelm Schaffer

Vorwort

Bei meiner Ausstellungser├Âffnung zum Thema Tschernobyl trat Herr Schaffer an mich heran und gab mir einen Reisebericht von 1997.
Herr Schaffer lebt nicht weit von mir und ist ein Weltenrumbummler.┬áEr war bei einer Solidarit├Ątsaktion f├╝r die Zone dabei. Ich habe die Seiten mal eingescannt um euch seine Eindr├╝cke zu zeigen.

Tschernobyl – Die Folgen der Katastrophe

Das Leben nach den Supergau

Breites, narbiges, buckeliges Asphaltband. Schnurgeradeaus zum fernen Horizont. Katen ducken sich l├Ąngs der Stra├če windschief in verwilderte G├Ąrten. Sonnenblumen. Der Kerne wegen. Endlos die Allee kunterbunter B├Ąume. Grelles Gelb, flammendes Rot, leuchtendes Orange. Reste staubigen Gr├╝ns.┬á Wolkenlos blau blendender Himmel. Ein M├Ąhdrescher treckt ├╝ber die Piste. Ein LKW scheppert vorbei. Ein Planenwagen zockelt auf dem Sommerweg daher. Der Kutscher nickt in sich hinein. Kopfbetuchte Babuschkas sitzen im grauen Gras am Rand. Ein Rabe kr├Ąchzt m├╝de. Kleine Pause. Weites Land.┬á Fruchtbares Land. Armes Land.

Welche Folgen hatte Tschernobyl f├╝r die Menschen?

GAU. SUPERGAU. Der vor sich hin br├╝tende Reaktor Nummer vier explodiert am 26. April. F├╝nf vor Zw├Âlf. Fragw├╝rdig geb├Ąndigte Energie bricht aus. Schleudert vulkangleich t├Âdlich strahlende Betonbrocken kilometerweit um sich. Wolken tragen giftigen Staub weithin ├╝bers Land. Weithin ├╝ber den Kontinent. Es regnet Unheil. Radioaktivit├Ąt. Niemand sieht sie, niemand riecht sie, niemand schmeckt sie. Die ├╝berall gegenw├Ąrtige. Heldenm├╝tig st├╝rzten sich Feuerwehrleute und Kraftwerker in das Inferno. Mit uns├Ąglichen Mitteln, fast mit blo├čen H├Ąnden zu retten, was nicht zu retten ist. 29 gehen elend zugrunde. Vergl├╝ht, verstrahlt, vergangen. Was die Menschen f├╝r ihr Wohl schufen, geriet ihnen zum Verh├Ąngnis. Kommunismus, das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes. ├ťber allem herrscht Schweigen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Kiew feiert den 1. Mai. Wie jedes Jahr.

Fragw├╝rdig geb├Ąndigte Energie, Foto: Wilhelm Schaffer

Das Gebiet um Tschernobyl

Ein Posten. Ein Schlagbaum. Eine digitale Anzeige zeigt 82 Millir├Ântgen (820 ┬ÁSv? Ich vermute eher Mikror├Ântgen, also 0,8 ┬ÁSv) an. Dahinter liegt Prypjat. Menschenleer. Eine Geisterstadt. Mit der Atomstation entstanden, eine moderne Wohnsiedlung. Wohnbl├Âcke, Hochh├Ąuser, Restaurants, Hotels, Universalnie Magazin, ein Kulturpalast. Schulen und Kinderg├Ąrten. Inmitten von Gr├╝nanlagen und Parks. F├╝r 20 000 Menschen. Stolz auf ihre Errungenschaften. Bis sie am 29. April Lautsprecher auf den zentralen Platz zusammenpl├Ąrren. Alle. Evakuierung. Wie sie kamen, kesselt sie die Armee ein. Selektiert nach Kind, Weib, Mann. Verladen und in┬á den┬á Wald.┬á Entkontaminiert. Ab in die Ferne. Es dauert Wochen, ehe sich manche Familien wieder finden.

Niemand konnte etwas mitnehmen. M├Âbel, Hausrat, Kleidung, Lebensmittel blieben in den Wohnungen. Vieles in zehn Jahren verdorben. Geraubt. Der Rest steht hinter geborstenen Fensterscheiben. Die H├Ąuser wuchern langsam zu. Die Natur kommt zur├╝ck. Ganz langsam, ganz sicher. Obdachlose, anderswo nicht Angekommene siedeln schon wieder in der 30-Kilometer-Zone. Woanders k├Ânnen sie nicht ├╝berleben, hier ├╝berleben sie sich zu Tode.

Das Museum

Im Foyer h├Ąngen Ortsschilder. Mit einem roten Diagonalstrich . 72 liquidierte Ortschaften┬á in der 30-Kilometer-Zone. Eine Vitrine. Ein junges Gesicht, eine Uniform, ein Orden. Macht einen Helden,┬á einen Heiligen. Hunderte junger Gesichter, hunderte Helden, hunderte Heilige. Im Saal an der Decke die f├╝nf Erdteile. Die Atomstationen darauf. Vollz├Ąhlig. F├╝r jedes leuchtet harmlos ein L├Ąmpchen. An der Wand tausend leuchtende Augenpaare. Tausend Kindergesichter. Tausendfach Sinnbild der Zukunft. Vergangen im dritten, vierten, f├╝nften Jahr ihres Daseins. In fast elf Jahren ÔÇ×nach Tschernobyl“. Auf dem Parkett abgebildet die Deckplatte des Reaktors. Originalgro├č. Einige St├Ąbe ragen heraus. Tragen eine Sitzplatte. Eine holzgeschnitzte Wiege h├Ąngt von der Decke herab. Schaukelt sacht ├╝ber dem fiktiven Reaktor. Puppen, Teddys, ein Buratino sitzt stumm darin. Sie blieben ├╝brig. Die Kinder sind tot.

Die humanit├Ąre Hilfe

Worte des Landrats. Vom Winde verweht. Eine Schulklasse w├╝nscht gute Fahrt. Der Konvoi geht ab gen Osten. 1600 Kilometer. 36 Stunden non stopp. Hoffnungsvoll ├╝berladen mit Paketen, P├Ąckchen, Geschirr, Overalls f├╝r die Tschernobyler Feuerwehrleute. Verpflegung f├╝r die neunk├Âpfige Transportmannschaft. Neun Wochenrationen. ,,Helft den Kindern von Tschernobyl!“ rief die Zeitung auf. Das DRK zur Seite.

Tausend packten Pakete ein. Sch├╝ler vor allem, engagierte Veteranen, Mitb├╝rger aller Orten. Reich gef├╝llt, bunt eingeh├╝llt. Mit Bildern lieb bemalt. Ein ÔÇ×Pl├╝schi“ oben drauf . Eine alte Dame stiftete gar Kaffee f├╝r die Fahrer. Manchen war jede Mark zu schade. Sie entsorgten, was sie nicht mehr brauchten. Wenige.

Halt an einer Grenze. Neben uns elf Trucks mit Hilfsg├╝tern. F├╝r drei Millionen. Sagt ein Fahrer. Ausgebaute Fenster und T├╝ren, alte R├Ântgenger├Ąte. Die werdens sicher noch verwenden k├Ânnen. In Moldavien. Sagte ein anderer. Ein peinlich sauber geharkter Grenzstreifen trennt Polen und die Ukraine.

Opfer der Tschernobyl Katastrophe

Die Klinik riecht deprimierend, schmuddelig und nach Chemie. Eine Alte hockt am Fenster. Kaut Sonnenblumenkerne Reinemachen gilt nicht. Kleine Glatzk├Âpfe mit gro├čen Augen stehen in offenen T├╝ren. Spielen auf dem Flur. Sitzen, liegen apathisch in ihren Betten. Bettw├Ąsche m├╝ssen die Eltern mitbringen. Medikamente bezahlen. Wer kann. Sonst gibt es keine. Essen kocht die Mutter, die Oma auf dem Flur. Die bunten Pakete ziehen alle an. Der Berg aufgestapelter Pl├╝schtiere, das Spielzeug. Die Kindersachen, sortiert nach Gr├Â├čen. Die ├ärztin hilft beim Verteilen. Familie f├╝r Familie. Da steht eine Frau bescheiden. Wartet, was sie erh├Ąlt, w├Ąhlt zaghaft ein Kleidchen aus. Eine andere kommt zum f├╝nften Mal, mit flinken Augen sieht und noch flinkerem Griff erhascht sie das sechste St├╝ck. Ein d├╝nner Winzling grapscht heimlich durch die Barriere eine Knautschmaus. Haut ab. ÔÇ×Mein Kind besitzt alles. Nur keine Gesundheit“, sagt eine blasse Frau. Irgendwie vorwurfsvoll. ÔÇ×Sucht mal ein sch├Ânes Fre├čpaket raus. In der 7 liegt ein Junge. Der stirbt wahrscheinlich in ein, zwei Wochen“. Er bekommt einen riesigen Affen aus Pl├╝sch. Seine Augen leuchten matt auf. Die Samariter verlassen das Haus. Fix und fertig. Die Alte hockt immer noch am Fenster und kaut Sonnenblumenkerne.

Sucht mal ein sch├Ânes Fre├čpaket raus, Foto: Ulrich Fischer

Die Veteranen

Mitten in der Stadt. Die Pakete wandern flott von Hand zu Hand ins Haus. R├╝stige alte Krieger. Das Fernsehen war schon weg. Festakt. Eine Rede ├╝ber die Freundschaft. Vor allem zur DDR. Schade, dass das mit dem┬á Sozialismus nicht klappte. Jetzt herrscht gro├čer Mangel. Doch wir hoffen, dass, bald, mit Hilfe, aus eigener Kraft…┬á Der Redakteur der Zeitschrift

,,Buchenwald mahnt“ mahnt uns. Die Samariter erhalten einen Orden. Mit Urkunde. Und eine Einladung in die ukrainische Weite. Nahe der Desna. Eine Datscha, ein lustiger General, seine Matka, ein mit Spezialit├Ąten des Landes gedeckter Tisch. Alles aus Wald, Fluss, Feld und Garten. Wodka aus der Naturalform des Warenaustausches. Zwei Stunden Toast auf Toast. 50 Gramm auf 50 Gramm. Umarmung . Drei K├╝sse. Doswidanija, Towarischtschi!

Die Poliklinik inmitten der Stadt

Eine Klinik f├╝r 60 000 Menschen. F├╝r alles. Das Personal erhielt schon f├╝nf Monate kein Gehalt. Sagt die Chef├Ąrztin. Auch ihre Patienten m├╝ssen die Medikamente bezahlen. Wenn vorhanden. Wenn sie gespendete erhalten, kosteten sie weniger. Vielleicht die H├Ąlfte. Medikamente brauchen sie. Gezielt, f├╝r ganz bestimmte Indikationen. Dringender als Lebensmittel. Obwohl sie uns 850 Adressen nennen kann. Von Alten und Kranken, die hilflos zuhause liegen. Hungern. Verhungern. Allein in ihrem Rayon. Aber alle Adressen┬á kennt sie nicht. Die Samariter hinterlassen einen┬á Berg Pakete. In den richtigen H├Ąnden. Denken sie.
Abends gehen sie in die Sauna.

Die Feuerwehr

,,Hallo, Kinder, schafft mal die Pakete rein“. Ein Befehl. Die gr├╝ngraukhaki┬á gescheckten Jungs kommen aus der Ruhestellung. Der Feuerwehrhauptmann hat gerade Geburtstag. Das Gesicht ger├Âtet, die breitrandige Schirmm├╝tze auf den Hinterkopf gerutscht. Anzeichen zahlreicher herzlicher┬á Gratulationen. Zuerst zeigt er uns die Helden seiner Einheit. Die Heiligen, die den Strahlentod starben. Sein Stellvertreter, einer der ersten am Ungl├╝cksreaktor, ├╝berlebte. Ein lebendes Denkmal. Eines aus Beton erhebt sich monumental vor dem Feuerwehrareal. Daneben das schwere L├Âschger├Ąt. R├Ąumpanzer, Lafetten mit Wasserkanonen, Katjuschas zum Zersprengen des Brandherdes. ,,Wenn unsere Feuerwehr hier vorgefahren k├Ąme, den Genossen gingen die Augen ├╝ber, sagt ein Th├╝ringer Feuerwehrmann. Zweihundert Meter weiter das Kraftwerk. Der Sarkophag. Br├╝tet vielleicht an einem neuen Ausbruch. Der Reaktor ist sicher. Sagen die Feuerwehrleute von Tschernobyl. Da sind sie sicher. Die Allt├Ąglichkeit des Lebens am Rande der Gefahr stumpft die Angst. Au├čerdem gibts „W├Ąsserchen“. Zumindest am Geburtstag. Schwer zu entscheiden wer besser dran ist. Sie, oder die zu Hause t├Ąglich die Spuren des Massenmords auf deutschen Stra├čen beseitigen m├╝ssen.

geschrieben von
WILHELM SCHAFFER


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