Die Johanniter Heilstätte

Auf meiner letzten Lost Places Fototour im Harz entdeckte ich dieses wunderschöne Anwesen. Der Bau des Hauses wurde insbesondere durch eine großzügige Spende von Werner von Seebach aus Langensalza im Jahre 1895 ermöglicht. Die Mittel sollten zur Errichtung eines Krankenhauses im Regierungsbezirk Erfurt verwendet werden. Durch das Januarkapitel des Johanniterordens 1899 wurde der Bau einer Lungenheilstätte beschlossen. Es sollte eine zeitgemäße Lungenheilstätte für 60 weibliche Kranke entstehen. Als Bauplatz wurde der Südhang des Gipfelplateaus des 562 m hohen Ochsenberges ausgewählt – einsam inmitten eines dichten Fichtenwaldes. Insbesondere die klimatischen Verhältnisse des Ortes gaben den Ausschlag. Der Orden nahm bei einem Ortstermin am 17. Juli 1899 das 45 Morgen große Grundstück in Augenschein, das schließlich auf 50 Jahre gepachtet wurde. Die Bauarbeiten gestalteten sich zunächst schwierig, da neben Rodungsarbeiten auch erhebliche Erdarbeiten erforderlich waren, um aus dem felsigen Berghang ein ebenes Bauplanum zu schaffen.

Fototour Lost Places

Das Gebäude wurde in sehr massiver Bauweise erstellt. Die Mauern bis zum dritten Geschoss wurden in Granit ausgeführt. Das Gebäude gliederte sich in zwei gleichförmige Außengebäude und in einen Zentralbau, der in seinem Obergeschoss eine Kirche enthielt, auf die auch seine äußere Bauform durch Chor und Glockenturm hinwies. Zu einer baulichen Einheit zusammengefügt wurden die drei Gebäudeteile durch Verbindungsbauten mit arkadenförmigen, nach Süden offenen Liegehallen. Auch die geräumigen, hellen Krankenzimmer in den äußeren Gebäudeteilen waren nach Süden ausgerichtet. Es handelte sich dabei um Ein-, Zwei-, Drei- oder Vierbettzimmer. Ein Wintergarten, eine Bibliothek und mehrere Aufenthalts- und Tagesräume rundeten die komfortable Ausstattung ab.

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In Gegenwart des Herrenmeisters Prinz Albrecht von Preußen fand am 26. Juni 1902 die feierliche Einweihung der neuen Lungenheilstätte statt. Im August 1902 wurden die ersten Patienten im Hause empfangen. Chefarzt war Dr. Sobotta, unterstützt durch eine Schwesternschaft, die das Diakonissen-Mutterhaus des Johanniterordens in Halle stellte. Bereits im Jahr 1903 wurde auf dem Areal ein Wohnhaus für den Chefarzt und ein Wirtschaftsgebäude errichtet. Ebenfalls 1903 wurden die ersten Waldliegehallen aufgestellt, die für die Freiluft-Liegekur nach Brehmer und Dettweiler erforderlich waren. 1905 bekam Dr. Sobotta einen Assistenzarzt zur Seite gestellt, 1906 übernahm der neue Chefarzt Dr. Naegelsbach die Klinik – allerdings nur für kurze Zeit. Im gleichen Jahr wurde die Heilstätte über eine Freilandleitung an das neu entstandene Elektrizitätswerk in Benneckenstein angeschlossen und die Bettenkapazität um 12 auf 72 erweitert.

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1908 gab Dr. Naegelsbach die Leitung der Klinik an den neuen Chefarzt Dr. Hans Pigger ab, der diese Tätigkeit bis zu seinem Tode im Jahr 1940 ausübte. Es war bekannt, dass unter Dr. Pigger “streng Kur gemacht” wurde, was den guten Ruf der Heilstätte begründete. Erfolge spiegelten sich auch in Zahlen wider: 1909 lässt der Jahresbericht erkennen, dass von 249 Patientinnen mit einem Altersdurchschnitt zwischen 20 und 35 Jahren 161 “mit Erfolg behandelt” wurden und bei immerhin 72 “eine erhebliche Besserung” erzielt worden sei. Wie im Jahr 1908 war die Heilstätte an jedem Tag voll besetzt. Die Behandlung bestand aus einer Kombination von Freiluft-Liegekuren und Bewegungskuren, wozu um die Klinik an den Hängen des Ochsenberges Kurwege angelegt worden waren. Die Lungenheilkur erforderte mit ihren sanften Mitteln eine sich über mehrere Monate erstreckende Behandlung. Dr. Pigger empfahl, die durchschnittliche Verweildauer der Patienten von 105 Tagen noch zu verlängern, um bessere Kurerfolge erzielen zu können. In der Struktur der Patienten ähnelte Sorge auch 1909 ein wenig den mondänen Häusern – trugen doch immerhin die meisten Patientinnen die Kosten der Heilkur selbst. Zwei Patientinnen wurde durch den Orden ein Zuschuss von 2 Mark pro Tag gewährt. Aus einem Fonds für Kurkostenermäßigung unterstützte der Orden 35 Patientinnen bei der Finanzierung des Kuraufenthalts. Sieben Patientinnen gab die sogenannte “Freibettkasse” der Anstalt Hilfe.

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Im Zweiten Weltkrieg und auch in den schwierigen Jahren danach blieb die Heilstätte ohne Unterbrechung in Betrieb. Waren die Belegungszahlen in den Kriegsjahren rückläufig, erreichten sie in den frühen 1950er Jahren wieder die aus Vorkriegszeiten bekannten Dimensionen. 1951 wurden die letzten Lungenoperationen durchgeführt. Bis 1961 sank die Belegung von 180 auf nur noch 120 Patienten. Der allgemeine Rückgang der Tbc-Erkrankungen aufgrund verbesserter hygienischer Verhältnisse und geringere Patientenzuweisungen durch die Tbc-Zentrale in Berlin führte zu ersten wirtschaftlichen Problemen im Betrieb der Heilstätte. Es wurde beschlossen und genehmigt, ab Anfang 1962 auch männliche Patienten aufzunehmen. Die Maßnahme brachte den gewünschten wirtschaftlichen Erfolg – das Haus erreichte sehr bald wieder seine maximale Belegung. Inzwischen hatte der Johanniterorden seine Liegenschaften in der DDR an die evangelische Landeskirche treuhänderisch abtreten müssen.

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Im November 1967 wurde die Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsen durch die Bezirksregierung Magdeburg davon in Kenntnis gesetzt, dass die Heilstätte in Sorge kurzfristig aufzulösen sei und nicht mehr zu diakonischen Zwecken genutzt werden dürfe. Die Räumung des Hauses sollte bis zum 31. Dezember 1967 – also wenige Wochen später – erfolgt sein. Über eine künftige Nutzung wurden keine Angaben gemacht. So wurde der Heilstätten-Betrieb in seiner bisherigen Form zum 31. Dezember 1967 eingestellt.

Zwischen der Kirche und dem Kreis Wernigerode musste ein Hauptmietvertrag geschlossen werden, aus dem der Kreis das Recht der freien Nutzung des Objekts für 65.000,- Mark jährlich erhielt. Der Kreis Wernigerode wiederum schloss einen Untermietvertrag mit der Nationalen Volksarmee (NVA). Die Behandlung von Lungenkrankheiten als ursprüngliche Zweckbestimmung des Hauses hatte 1967 ein Ende genommen. Ab 1968 wurde die ehemalige Lungenheilstätte durch die Nationale Volksarmee (NVA) und die Grenztruppen der DDR mit 150 Kurplätzen genutzt. Ab 1973 leitete Obermedizinalrat Dr. Markert im Rang eines Oberstleutnant das Haus. Es wurden Heil-, Genesungs- und prophylaktische Kuren durchgeführt. Besondere Behandlungsgebiete waren Wirbelsäulenerkrankungen aber auch Herz- und Kreislauferkrankungen. Als Patienten fanden sich hier alle Dienstgrade vom Unteroffizier bis zum General wieder. Bekanntester Kurgast war Armeegeneral und Verteidigungsminister der DDR Heinz Hoffmann im Jahr 1972.

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