Das „Bone Haus“ in Görlitz

„Bonehaus“ – das Bonehaus ist ohne Bone nur Haus

Görlitz gilt als eine der schönsten Städte Deutschlands. Unzählige Bauten aus Romanik, Barock, Renaissance und Gründerzeit zieren das Stadtbild und bilden zusammen ein beeindruckendes Ensemble. Anfang 2016 begab ich mich nach der Urbexplorer Fototour zum Hotel Vier Jahreszeiten und dem Freisebad, auf Erkundungstour durch die Altstadt von Görlitz. Von einem Freund bekam ich den Tip das legendäre „Bone Haus“ am Obermarkt 26 gleich neben der berühmten Verrätergasse zu besuchen. Der Künstler Steeven Fabian Bonig – bei den Einheimischen schlicht „Bone“ genannt – ist Mieter des Hauses Obermarkt 26 und machte die Innenräume durch seine Kunstinstallationen zu einem mystischen und inspirierenden Ort was aus der Zeit gefallen scheint. Es ist mehr als ein Haus, es ist ein lebendiges Kunstwerk, geschaffen von einem kreativen Geist und nicht leicht zu erfassen, weil man ein Bestandteil der Installation wird, wenn man es betritt. Bei einem kurzen Gespräch mit „Bone“ erfuhr ich zudem das seine Kunst eine Art kreativer Schöpfungsprozess ist, der sich ständig verändert, wächst, zerfällt und neu entsteht. Die Zutaten bestehen teils aus Holz, Porzellan, Eisen, Plastik oder Papier, teils aus Träumen, Sehnsüchten und Gedanken.

Leider verließ Steeven Fabian Bonig das sogenannte „Bonehaus“ Ende 2016, nachdem er seine mit dem Eigentümer geschlossenen Verträge, so auch den Mietvertrag, gekündigt hat. In der Zwischenzeit hat „Bone“ gemeinsam mit Freunden das Haus ausgeräumt und alle Raritäten den Leuten in der Stadt zurückgegeben die sich an seinen aufwändigen Installationen beteiligt haben.

Das „Bone Haus“ bleibt aber als eine Görlitzer Legende und als ein Denkmal sowie ein Ort der Inspiration in Erinnerung.

Was ist das hier? (Ein Gedicht von „Bone“)

So im Vorbeischleichen an den Fassaden – von einem historischen „Vorsicht frisch gestrichen“ zum nächsten schreckt plötzlich eine zerfressene Sockelkante in die längst langweilig gewordene Tünche der Sanierung. Hier soll sich noch beweisen, was ein Denkmal ist und was nicht.

Eine Tür steht offen. Manchmal auch zwei oder drei, weil so viele Türen hat die Halle dieses jüngsten Hallenhaus der Stadt. Man tritt ein, nicht weit und fragt sich -was ist das hier- , wenig ahnend, dass das zuvor schon in den acht Jahren mehr als Hundert tausend Menschen ebenso fragten und ebenso keine Antwort fanden. Das soll es auch nicht,
denn was es in Absicht einzig zu sagen gibt steht auf einem Zettel im zweiten Stock; der Rest in Bildersprache.

Der ist viel, dieser Rest, aber auf den Betrachter wirkt zunächst nur die Wucht der Fülle. Auch das Detail scheint sich einer Antwort zu entziehen, weil der heutige Mensch
vom Konsum seiner Bildschirmmedien und Tonfilmprodukte gewöhnt ist, dass das, was er anschaut auch mit ihm spricht. Wer dennoch selbst ein Detail deutet, wird sofort ein nächstes finden, das seine letzte Deutung fehl führt. Hier wirkt, was Goethe im Vorspiel des Faust den Theaterdirektor zum Dichter sagen lässt: …suchet nur sie zu verwirren; / sie zu befriedigen ist schwer.

Wer die Ordnung zwischen den Details erkennt beginnt sein warmes Aufgehobensein zu genießen, den Abpfiff des Zeitgefühls und die Sprache der Stille zu hören. Erst spät, wenn überhaupt, wird der Geist merken, dass das, was hier wohltuend wirkt das Fehlen des Weltgegröhls ist, dass der Ort hier gegen diese Welt ein kostbares Nichts ist, dass auch den Menschen nicht zwingt etwas zu sein. Kein Geschäft, dass den Mensch zwingt Kunde zu sein. Ein Nichts, dass den Menschen einfach nur da sein lässt und allein dafür willkommen heißt. Keine Werbung raubt die kostbare Aufmerksamkeit, nichts schreit sein aufdringliches eitles -ich ich ich-, wie die Küken im Vogelnest. Nichts hier soll was sagen, obwohl man ahnt, dass es das könnte. Niemand will Geld, nichts soll verkauft, nichts gepriesen werden. Niemand will sagen was es ist. Es ist Nichts und soll es auch sein. Ein Kunstwerk; ein angebliches Vielsein, dass aber nichts ist, wie die wortlose Behauptung eines Theaterzauberers, nämlich dass weiße Kaninchen in schwarzen Zylindern wohnen…Und wo sich alle deswegen freuen, weil es eben perfekt so aussieht, aber unmöglich so sein kann.

Und doch ist es was. Es muss! was sein…

Wer fern allen Hochmuts und unbeleidigt über dieses Nichtbeantwortetsein ist, nicht einen Ort braucht, um selbst etwas zu sein, und überhaupt in aller Uneile die Zeit dazu hat wird irgendwann den Weg in den ersten Stock finden. Eine breite großzügig einladende Treppe, die zunächst auf ein feurig leuchtendes Ölgemälde zuschreiten lässt, das einen liebesfreudigen Geist an die Lust zur Leidenschaft erinnert.

Dann biegt die Treppe scharf ab und führt den Blick aufwärts in den Abgrund. Drei vergammelte Restbalken lassen sofort die Phantasie jene nicht mehr vorhandene Decke konstruieren, schreien dem Baulaien ein erstes Auweia in den Sinn, und wirken das Gefühl, gegen das sich die Frechheit des Herzens wehren würde, wenn es auf einem Warnschild befohlen wäre: Vorsicht einsturzgefährdet!!!

Aber was fehlt kann nicht gezählt werden, schreibt Lao Tse im Tao te King und eine nicht vorhandene Decke kann auch nicht einstürzen. Und wenn, dann eben nur da, wo sie gerade ist: in der Phantasie. (eventuell auch in den Gutachten verlogener Sachverständiger…)

Dann öffnet sich der Blick bis zum Dach und füttert die Phantasie weiter mit einem Gewirr von angefaulten Gammelbalken. Die sind, wo sie sich selbst nicht mehr zu halten drohen in verrostete Eisenketten gehangen, verrostete dunkle, damit man nicht sogleich sehen kann, dass das Gebälk eigentlich gegen das, was dieser Anblick vermuten lässt gesichert ist. Sie sind auch gereinigt mit einem Wasserstrahl von fünfzehn Atmosphären Druck, der wirklich nur die von Pilz und Fäulnis unbeschädigte Substanz übrig lässt.
Aber Dreck, der weg ist sieht man nicht, noch weniger, wenn man sowieso ein Mikroskop bräuchte für gefräßige Bakterien, Sporen und Mycelien. Darum sieht die Phantasie immer und immer weiter herabstürzen, was längst herabgestürzt und weggeräumt ist. Und was staubgesaugt ist und abgewaschen und mit Antimykotikum für die Ewigkeit bereitet…

Sucht das Auge weiter wird es fündig an talergroßen Verstecktheiten, die letztlich dem Laien oder all zu eiligen Fachmann nichts als die Große Gefahr übrig lassen, nämlich die Gefahr, dass in allen schwarzen Zylindern weisse Kanikel wohnen …

Tatsächlich aber schwebt dieses Gewirr der Gammelei als banale Dekoration in diesem Raum, gleich wie in aller Welt auch Blumenampeln, Discokugeln und Lampen an der Decke hängen. und wirken in jedem Fall eine stark erhöhte Aufmerksamkeit. Die soll sein wegen dem Zettel im zweiten Stock.

Man betritt den Aufgang nach weiter hoch. Zwei große alte schwarz-weiß-Fotographien von Alt-Görlitz hängen an der Wand, eine dritte steht am Boden, eine kleine Steigeleiter davor, ein Hammer und eine Büchse Nägel. Es sieht aus wie mitten drin abgebrochen, als ob jemand gerade von der Arbeit weggelaufen ist. Kommt man ein Jahr später wird es immer noch so aussehen, und dieser jemand wird sich als Imagination entpuppen, als das v i r im Wort environment. Virus- der Lebende. Mindestens Hundert solche sind im Haus zu finden.

Dann biegt die Treppe scharf ab und dann noch mal. Dann tritt man auf einen kleinen Balkon, die Decke darüber sind zwanzig Quadratmeter komplett flächendeckendes Gammeldekor. Ein Balken, auf einer Seite abgefault und herunter gebrochen schwebt schräg im Raum, wie als ob er gerade noch fliegt. Eine Eisenkette sichert ihn, doch die wäre nicht nötig gewesen, denn der Balken hing noch von allein so. Aber hier fand auch der Baumeister die Angst an die Grenze getrieben. Und da an diesem Balken hängt er nun, der Zettel, der noch beweisen wird, dass Kunst überhaupt nicht Gesschmackssache ist. Kunst ist sehr wohl erklärbar und Geschmack auch, lediglich nicht für jeden.Man muss es auch nicht. Man kann auch Speise einfach genießen ohne zu wissen wie sie gekocht wird. Oder eben in Gefahr schweben, die gar keine ist, und danach das Glück fühlen, das man die ganze Zeit schon hatte. Oder die wirkliche Schönheit erkennen, die man draussen an all den paar tausend strahlenden Hausfassaden längst gesehen zu haben meint.

Was Du da gesehen hast, höre Mensch, es ist Deine Schönheit !!! Zumindest die Hälfte etwa, denn ohne diese Beigabe aus dem Steuersäckel wären diese Häuser nie gerettet und nie so schön geworden wie sie heute sind. Sie waren fast alle, wie es diese Gammelei verkündet, und sie waren es wirklich, was diese Gammelei nicht wirklich ist. Görlitz hat nicht nur diesen einen anonymen Spender, der jedes Jahr diese Altstadtmillion spendiert. Es hat auch achtzig Millionen anonyme Steuerzahler und Hunderte Millionen verbaut! Und einen Solidaritätszuschlag, eine Zahl, den meisten Gästen nur vom Steuerbescheid bekannt, in Görlitz aber nun in einer solch robusten Schönheit sichtbar geworden, wie in keiner anderen Stadt; und ja;- wer sowas nie bezahlt hat, oder nur Erwerb und Bereicherung darinnen fand, der wird auch nur wenig gerührt sein von einem Dankeschön.

Das ist Erklärung und keine Geschmackssache. Es gab ja auch feuchte Augen, sehr und nicht selten, vor Freude über ein Kunstwerk aus zweitausend Arbeitsstunden, die bauingineurlich genau so nutzlos sind, wie die fliegenden Bällchen beim Jongeleur, oder wie die Kriminalität im Kriminalfilm,- -ach es gibt ja genug echte im wirklichen Leben, und die ist doch auch nicht Geschmackssache, weil sie nicht so clever aufgeklärt wird, wie die im Film. Wozu putzen, wozu die Mühe, die ganze Arbeit an etwas, das nicht mehr ist, was es mal war, nicht mehr tut, was es mal tat und nie mehr kann, was es mal sollte ??? Steht man nicht immer vor der Sinnlosigkeit eines sinnlosen Kunstwerkes und fragt „was will uns der Künstler damit sagen ??? …steht doch auf dem Zettel: Danke !!!

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